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Letzte Hilfe: Am Ende wissen, wie es geht.

Das Lebensende macht uns hilflos, denn uraltes Wissen zur Sterbebegleitung ist mit der Industrialisierung verloren gegangen. Sagt der Verein „Letzte Hilfe“. Durch einen Kurs soll dieses Wissen zurückgewonnen werden. Das Interesse in der Schweiz ist riesengross.

Begleiten statt töten, betont der Verein als Motto: Die letzte Hilfe, die einem Menschen in seinem Leben zuteil wird, darf keine sein, die ihn tötet. Der Abschied vom Leben sei der schwerste, den die Lebensreise für einen Menschen bereithalte. Deshalb brauche es jemanden, der Sterbenden die Hand reicht. Die Sterbebegleitung selbst sei keine Wissenschaft, sondern auch in Familie und Nachbarschaft möglich.

Palliativmediziner Georg Bollig erinnert an Rotkreuz-Gründer Henry Dunant, der auf dem Schlachtfeld von Solferino 1850 schwer verwundeten Soldaten im Sterben beistand. Dunant habe gleichzeitig Erste und Letzte Hilfe geleistet. Dies zeige, dass es keinen Gegensatz gebe, sagt der Letzte Hilfe-Gründer. Erste und letzte Hilfe seinen eine humane Haltung. Mundpflege, Haltgeben bei Unruhe und Verwirrtheit und Dableiben angesichts schwieriger Situationen: eine hinwendende Haltung und bürgerschaftliches Engagement bildeten das gemeinsame Fundament von Erster und Letzter Hilfe. Primäres Ziel der letzten Hilfe sei die Linderung von Leiden und die Erhaltung der Lebensqualität.

In eigenen Kursen erlernen die Teilnehmenden seit 2015 von erfahrenen Hospiz- und Palliativmitarbeitenden die Begleitung Schwerkranker und Sterbender am Lebensende. Im Kurs wird über die Normalität des Sterbens als Teil des Lebens gesprochen. Mögliche Leiden und deren Linderung stehen auf dem Programm, ebenso wie die Tatsache des Abschiednehmens. Alles im Rahmen der eigenen Möglichkeiten und Grenzen. Vor wenigen Jahren zeichnete die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin die Kurse mit einem Föderpreis aus. Mit der Idee habe man sich in besonderer Weise für die Entwicklung der Palliativmedizin im ambulanten Bereich stark gemacht, heisst es.

Auch um ganz praktische Tipps geht es, wie zum Beispiel eine Patientenverfügung oder eine Versorgungsvollmacht aufgebaut werden sollte. Wichtig sei, möglichst früh zu erfahren, wie der nahestehende Mensch sterben möchte, wird Boris Knopf in einem Beitrag der Frankfurter Allgemeinen zitiert. Der Fachkrankenpfleger für Palliative Care und Anästhesie ist Teil des Letzte Hilfe – Teams. Es könne passieren, dass die Angehörigen etwas vertreten müssen, hinter dem sie gar nicht stehen, so Knopf. Quasi als Sprachrohr des Patienten einzustehen, erfordere „Mut, Kraft und Vehemenz“. Ein Perspektivwechsel sei nötig, ein Denken und Fühlen aus Sicht des Sterbenden, zum Beispiel im Falle der Nahrungsverweigerung: „Man stirbt nicht, weil man aufhört, zu essen oder zu trinken. Man hört auf zu essen und zu trinken, weil man stirbt“, gibt Knopf in der FAZ zu bedenken.

Die Kurse sind kostenlos. Das Angebot wird durch Spenden finanziert. Und das Projekt wächst: Seit dem ersten Kurs 2015 haben sich 800 Kursleiter ausbilden lassen, die bislang annähernd 8‘000 Teilnehmende erreichen konnten. In Frankfurt wird sogar ein Kursangebot für Kinder ab acht Jahren vorbereitet. Das Bedürfnis ist da: Kinder fragen, Eltern sind überfordert. Auch Jugendgruppen sollen von dem Angebot profitieren können.

Seit zwei Jahren gibt es die Letzte Hilfe auch in der Schweiz. «Wir werden absolut überrollt», beschreibt Eva Niedermann das Interesse hierzulande. Gemeinsam mit Pfarrer Matthias Fischer ist die mit einem Master in Palliative Care zertifizierte Pflegefachfrau verantwortlich für das Projekt in der Reformierten Landeskirche Zürich, die seit 2017 als Schweizer Lizenznehmerin Kurse anbietet. Bis zu 20 Personen konnten an den ersten eintägigen Kursen in interessierten Kirchgemeinden teilnehmen, für die Niedermann und Fischer quer durch den Kanton gereist sind. Die offene Kommunikation ohne Tabus habe sie beeindruckt, so Niedermann gegenüber diakonie.ch.

Die Kurse füllen eine grosse Lücke. Das Thema der Palliative Care entwickele sich schnell, aber irgendwann habe man die Bevölkerung dabei abgehängt, gibt die Beauftragte für Alter und Generationen der Zürcher Landeskirche zu bedenken. «Wenn ich das gewusst hätte», sei eine häufige Reaktion in den Kursen, «hätte ich mir die Begleitung schon zugetraut». Es bestehe eine grosse Verunsicherung, mit dem Thema Tod und Sterben naher Angehöriger umzugehen.

Viele kämen mit dem unguten Gefühl, in der Betreuung eines Angehörigen etwas falsch gemacht zu haben. Sterbende äussern irritierende Wünsche, oder sie wurden durch Aussagen Anderer verunsichert. Hier könne der Kurs ganz entscheidend helfen, denn er beruhigt: «Viele kommen zur Erkenntnis, dass sie es schon richtig machen», sagt Eva Niedermann. «Wer gut zuhört und den sterbenden Menschen wahrnimmt, tut das richtige.»

Dabei kann es auch zu Konflikten mit Pflegeheimen kommen, wenn zum Beispiel der Mund des sterbenden Vaters mit einem Schwamm betupft wird, der in seinen Lieblingswhiskey getaucht ist. Hier empfiehlt Niedermann, ganz offen mit dem Pflegepersonal zu sein und über den Kurs zu berichten. Viele Pflegeheime seien zudem selbst auf dem Weg, an dieser Stelle sensibel zu werden.

Insgesamt gebe es eine erfreuliche Zusammenarbeit der verschiedenen Disziplinen auf Augenhöhe, so Niedermann. Und es sei überall akzeptiert und werde geschätzt, dass sich Kirche und Diakonie des Themas so engagiert annehmen. Für einige Teilnehmende seien die Kurse der erste Kontakt mit der Kirche.

Das Projekt nimmt Fahrt auf. Im letzten Jahr wurden acht Kursleitungs-Tandems ausgebildet. Waren es 2018 in Zürich 20 Kurse, stehen Anfang 2019 bereits 19 fest, weitere folgen. Aargau, Basel, Bern, Graubünden und St.Gallen waren bereits in Zürich. Im März werden weitere Leitungen ausgebildet und damit das Angebot auch ins Waadtland getragen.

Auch die Berner Kirche bereitet ein entsprechendes Angebot vor, bestätigt der Beauftragte für Spezialseelsorge und Palliative Care, Pascal Mösli, gegenüber diakonie.ch. Getragen werden soll es kantonal zwischen den Landeskirchen und dem Palliativzentrum des Inselspitals, lokal zwischen den Kirchgemeinden und der lokalen Spitexorganisation. Damit strebe man eine weitere Vernetzung zwischen den kirchlichen Akteuren und jenen aus dem Gesundheitswesen an, so Mösli. Ein Pilotkurs habe bereits im Dezember 2018 stattgefunden.

Erste und Letzte Hilfe verbindet die humane Haltung und die Bereitschaft, anderen Menschen in Not beizustehen, sagt Georg Bollig. Und die Erkenntnis, dass das Sterben ein Teil des Lebens ist.

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