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Baselland: Diakonie macht die Gesellschaft zur integrativen Gemeinschaft

Erkennt Diakonie die Zeichen der Zeit und nimmt sie kein Blatt vor den Mund, hat sie Akzeptanz und Zukunft in der Gesellschaft, sagt das Diakoniekonzept der Reformierten aus Baselland. Der zweite Teil der Reihe reformierter Diakoniekonzepte auf diakonie.ch.

„In einer Gesellschaft, in der immer mehr Lebensbereiche der messbaren Effizienz unterworfen werden, besteht die Gefahr, dass andere grundlegende Werte verloren gehen“. Mitmenschlichkeit, Barmherzigkeit, Nächstenliebe, Respekt und Anstand, soziale Verantwortung und Sicherheit gehörten dazu, stellen die „Grundlagen für die Diakonie“ in der Reformierten Kirche Baselland fest, die vor mittlerweile fast vier Jahren verfasst wurden. Diakonie könne der Gesellschaft diese Werte vermitteln, welche die Menschen „im persönlichen Leben zutiefst ersehnen“. Nur eine diakonische Kirche habe eine Akzeptanz und Zukunft in der Gesellschaft.

Armut beeinflusst Denken, Handeln und Gesundheit

Das von Roland Luzi im Auftrag des basellandschaftlichen Kirchenrates geschriebene Dokument bietet auf fast 50 Seiten Einblicke in Vorstellungen und Konzept reformierter Sozialdiakonie. Ein kurzer theologischer und historischer Überblick stehen am Anfang. Diakonissen als Gemeindeschwestern und später Diakoninnen und Diakonie für die sozialen Herausforderungen hat es demnach am Anfang der 1960er Jahre in Baselland nur vereinzelt gegeben. Die Pfarrpersonen sollten als Allrounder alle Bedürfnisse der Kirchgemeinde abdecken. Anfang der 70er Jahre schufen dann immer mehr Gemeinden Diakoniestellen mit unterschiedlichen Arbeitsschwerpunkten.

Das Konzept Diakonie

Noch heute verschreibt sich Diakonie dazu, die Zeichen der Zeit zu erkennen, wird im Konzept entsprechend betont. Diakonie solle kein Blatt vor den Mund nehmen und wagen, „Dinge zu sagen oder anzusprechen, die herausfordern, zum Nachdenken anregen, ja auch unbequem und unangenehm sind“.

Die Basler Reformierten definieren: „Diakonie ist helfendes Handeln aus christlicher Motivation im Kontext von Kirche und Gesellschaft“. Sie habe ihren Sitz im Leben dort, wo Menschen zusammen leben und Hilfe brauchen. Vor Ort gehe es um die Wahrnehmung spezifischer Nöte, um das Verwirklichen eines solidarischen Zusammenlebens und um ein gemeinsames soziales Handeln.

Das Besondere der Diakonie liege im „Gesinnungshintergrund“, komme die Motivation zum diakonischen Handeln schliesslich von einem christlichen Hintergrund her. Die Verwurzelung darin könne in Grenzsituationen persönliche Kraft- und Inspirationsquelle sein. Im Dienst an den Menschen stehe die Nächstenliebe im Vordergrund. Dies unterscheide es letztlich auch von der öffentlichen Sozialhilfe, die sich schwerpunktmässig mit dem Vollzug gemäss gesetzlicher Rahmenbedingungen beschäftige.

Sozialdiakoninnen und Sozialdiakone

Das Sozialdiakonat ist dem Pfarramt gleichwertig, so stellt das basellandschaftliche Konzept fest. Die Sozialdiakoninnen und Sozialdiakone sind für den diakonischen Auftrag der Kirchgemeinde verantwortlich. Diese Arbeit geschieht demnach schwerpunktmässig in der Gemeindepädagogik, Gemeinwesenarbeit und im Gemeindeaufbau. Gruppenbegleitung, Besuchsdienst, Freiwilligenarbeit, Beratung, Begleitung und Seelsorge, die alle Generationen umfasst, Einzelfallhilfe als „Empowerment“ sowie Netzwerkarbeit in den Sozialräumen seien die wichtigsten Arbeitsformen des Sozialdiakonats.

„Sie werden zu Verbindern, Kontaktherstellern, Initianten von neuen sozialen Verbindungen und Netzwerken.“

Diakonie steht nicht für sich. Durch die diakonische Tätigkeit ist Kirche gesellschaftsrelevant und kommt ganz selbstverständlich in Kontakt mit anderen sozialen Institutionen, stellt das Balser Konzept fest. Dabei gehe es um persönliche Beziehungen; hier könnten Diakonieprofis die Fachkompetenz der gemeindlichen und kantonalen sozialen Institutionen ergänzend unterstützen, vernetzen und kommunikativ vermittelnd weiterentwickeln: „Sie werden zu Verbindern, Kontaktherstellern, Initianten von neuen sozialen Verbindungen und Netzwerken.“

Diakonie sei „Vermittlerin im Hilfsangebotsdschungel“ und führe Hilfesuchende bis zu der Institution, die tatsächlich nachhaltig helfen und unterstützen könne. Ganz allgemein solle Diakonie Initiativen anstossen, damit die Gesellschaft zu einer „offenen, gerechten, gastfreundlichen und integrativen Gemeinschaft“ werde.

Armut beeinflusst Denken, Handeln und Gesundheit

Diakonie als reformierte Diakonie

Die Reformatoren haben die kirchliche Hierarchie reduziert und die Wichtigkeit der Beteiligung der Basis an der Gemeindearbeit erkannt. Der reformatorische Ansatz, wonach alle Gemeindeglieder zur Diakonie berufen sind, gehört zur reformierten Erkennbarkeit. Diakonie wird so zur Bezeichnung für das christlich motivierte soziale Handeln in der Gesellschaft, betont das Konzept der Baselbieter und stellt fest: „Die konsequente Benützung dieses Wortes nach innen ist wichtig, damit die Behördenmitglieder, Mitarbeitenden und Freiwilligen eine eigene und klare Diakonie-Identität entwickeln können“. Das Handlungsfeld der Diakonie werde schliesslich von der Gesellschaft hoch geschätzt und sei auch deshalb von kirchlichen Gremien „mit allen verfügbaren Mitteln zu unterstützen“.

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Diakonische Handlungsfelder

Die Identifikation von Handlungsfeldern ist wichtig, damit Diakonie auf Bedürfnisse und Nöte der Menschen reagieren kann, heisst es im Konzept. Anschliessend werden sieben potentielle Bereiche vorgestellt. Sie lauten Arbeit und Existenz, Wohlergehen und Gesundheit, Zugehörigkeit und Teilhabe, Migration und Integration, ältere Generation, Jugend, Ökologie. Die Handlungsfelder zeigten die Komplexität der gesellschaftlichen Herausforderungen auf. Dies könne Sorgen machen, aber auch Mut geben, „weil diakonisches Handeln auf diese Problemzusammenhänge positiv Einfluss nehmen kann“. Denn: „In der Diakonie steht immer der Mensch im Mittelpunkt mit seinen sozialen, materiellen, zwischenmenschlichen und religiösen Bedürfnissen.“

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