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„Die Caring Community ist eine Wertehaltung“

Quartiere werden anonymer, immer mehr Singlehaushalte und immer weniger Kinder, und wer kennt noch die Nachbarin? Beobachtungen über den gesellschaftlichen Wandel muten ernüchternd an. Und doch gibt es den Gegentrend, die kleinteilige, nahräumige, sich umeinander sorgende Gemeinschaft. Immer öfter wird diese Idee quasi institutionalisiert und mit Caring Community benannt. Ein Trend, der mittlerweile Eingang in grössere Untersuchungen gefunden hat. Aktuell setzt sich auch das Migros Kulturprozent mit dem Phänomen auseinander.

„Die Caring Community steht für eine Denk- und Werthaltung. Mit dieser Denkhaltung setzen Akteure der Gemeinschaft verschiedene Modelle um, mit denen sie in einer Gemeinschaft soziale Angebote schaffen und einander basierend auf einem horizontalen Miteinander zugänglich machen. Unter einem weit konzipierten Begriff von „care“ übernehmen sie dabei gesellschaftlich relevante Fragen der Sorge und Fürsorge.“

So definiert die Abteilung Soziales vom Migros Kulturprozent die Caring Community. In einem Arbeitsdokument diskutieren die Autorinnen Martina Schlapbach und Regula Ruflin ein begriffliches Phänomen, das Konjunktur hat. Angesichts des „teilweise inflationären Gebrauchs“ des Begriffes der Caring Communities stelle sich die Abgrenzungsfrage, bemerken die Autorinnen entsprechend. Verwendung findet der Begriff auf lokaler, kommunaler Ebene, in Schulen, Universitäten und Unternehmen und in der Entwicklungszusammenarbeit.

Woher kommt der Begriff der Sorgenden Gemeinschaft? Schlapbach und Ruflin nennen die angelsächsische, oft in kirchlichen Kreisen etablierte Tradition der „Charity“. Daneben die feministische „Care“-Bewegung als Konzept der Sozialpolitik, weiter das „Community Care“, also die Gemeinweseneinbindung erwachsener geistig beeinträchtigter Menschen.

Caring Community

Gespräche während der Netzwerk-Tagung Caring Community der Diakonie Schweiz. Foto: Gion Pfander.

Dafür steht die Caring Community

Was die verschiedenen Ansätze eint, so die Autorinnen, ist eine mehr oder weniger ausgeprägte Gesellschaftskritik. Ökonomisierung, Fremdenangst, Abgrenzung, Vereinsamung: all das will die Caring Community überwinden. Genauso engagiert wird das bestehende Pflegesystem diskutiert. Freilich gibt es auch Kritik am CC-Ansatz selbst. Werden den Bürgern Aufgaben überlassen, für die eigentlich der Staat aufkommen sollte?

Auf die Frage, wofür die Caring Community steht, verweist das Migros-Papier auf verschiedene Projekterfahrungen und hält fest: Es geht um die Bewältigung sozialer Aufgaben, und zwar zielgruppen- und themenübergreifend. Eigenverantwortung steht als Grundprinzip an erster Stelle, in fliessenden Grenzen zwischen dem öffentlichen Raum und der privaten Sphäre. Caring Communities wollen den demographischen Wandel bewältigen und beginnen damit im lokalen Kontext. Damit dies gelingt, ist es für die Aktiven wichtig, einen Wertehorizont zu teilen, so die Autorinnen. Genauso entscheidend sind die Sozialraum- und Gemeinwesenorientierung, eine Anerkennungskultur und das Schaffen eines Identifikationsortes.

Das Arbeitspapier zählt eine grosse Zahl verschiedener Lebensbereiche auf, die laut Analyse geeignet seien, um Menschen für niederschwellige Caring Communities zu mobilisieren. Die Generationensolidarität und die Altersarbeit sind Stichworte, Nachbarschaft, Quartierentwicklung, Pflege, aber auch Kirche und Politik. Die Bevölkerung in ländlichen Gebieten, der Migrationskontext und ältere Menschen sind laut Analyse Gruppen, die einen Bedarf respektive ungenutztes Potenzial aufweisen.

Caring Community ist Wertehaltung

Eine offene Frage bleibt, wie gross die „klassische“ Caring Community eigentlich ist. Dass die Kleinräumigkeit ein zentrales Kriterium ist, scheint laut der Migros-Untersuchung nicht unbedingt der Fall zu sein. Konsens herrscht hingegen, dass die horizontale Ebene im Vordergrund steht, dass die Gemeinschaften also die Sichtweisen top-down und bottom-up zwingend vereinen müssen. Entsprechend plädierten die Teilnehmenden eines Workshops des Kulturprozents laut Bericht dafür, Caring Communities in erster Linie als Wertehaltung zu betrachten. Dazu passt, dass sich das Konzept im ursprünglichen Sinn stark an die Idee der unbezahlten Freiwilligenarbeit koppelt. Interessant auch, dass die Community im Zentrum gesehen wird, die fähig und befähigt ist, punktuell „caring“-Aufgaben im Sinne der gesamtgesellschaftlichen Sorge zu übernehmen. Solche Aufgaben, so die Autorinnen, könnte auch ein Fussball-Club übernehmen.

Damit sich das Konzept der Caring Communities durchsetzen kann, müsse ein Bewusstsein für die Relevanz in der Gesellschaft geschaffen werden. Die öffentliche Hand brauche es genauso wie Fachpersonen. Begegnungs- und Lernräume seien ein Bedarf.

Die Untersuchung des Migros Kulturprozents ist einer von mehreren Ansätzen aus unterschiedlicher Richtung, sich des Themas anzunehmen. Genau diesem Bedarf ging die nationale Tagung zu Caring Communities und Palliative Care der Diakonie Schweiz nach, die im September 2018 rund 80 Fachpersonen in Zürich versammelte. Angesichts des demografischen Wandels brauche es eine sorgende Gemeinschaft, die um die Grundpfeiler informeller Freiwilligenarbeit und sozialpolitischer Absicherung weiss, so die Tagung. Die Referenten erinnerten am Beispiel der Palliative Care daran, dass die Kirchen ihren Grundauftrag in der Begleitung von Menschen nicht vergessen sollten.

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