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Urbane Diakonie

Einer der Forschungsschwerpunkte der Dozentur für Diakoniewissenschaft der Universität Bern ist die Diakonie als helfendes Handeln, wie sie sich kontextuell eingebunden in den Sozialraum Urbanität von Quartier und Stadtteil darstellt.

Im Jahr 2014 wurde das Projekt «Urbane Diakonie» gegründet. Es geht davon aus, dass in städtischen Quartieren aufgrund der je eigenen Bevölkerungsstruktur, der Gentrifizierung und einer voranschreitenden nachbarschaftlichen Distanzierung zunehmend menschliche Nöte und Bedürfnisse bestehen, die bislang noch nicht ausreichend in den Fokus der Öffentlichkeit geraten sind. Unter dem Motto «Quartier schaffen» will das Projekt in Stadtquartieren soziale Prozesse initiieren, begleiten und unterstützen, in denen Bewohnerinnen und Bewohner ermutigt werden, sich mit ihren Ressourcen, aber auch mit ihren Anliegen und Bedürfnissen in den sozialen Nahraum, das Quartier, einzubringen und diesen Lebensraum als solidaritätsstiftenden Begegnungsraum zu revitalisieren. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf Menschen im dritten und vierten Lebensalter. Erstere (ca. 55- bis 75-jährig) bringen grosse Lebenserfahrung und oftmals beträchtliche zeitliche Ressourcen mit, die sie sinnstiftend einsetzen wollen; Zweitere (ca. 80-jährig und älter) werden auch als Betagte oder Hochbetagte bezeichnet und wünschen meistens, auch im hohen Alter in den eigenen vier Wänden wohnhaft bleiben zu können.

«Urbane Diakonie» spricht Kirchgemeinden sowie diakonische Stiftungen und Werke an, die vor Ort als Puls- und Taktgeberinnen einer neuen Kultur des Gemeinsamen walten können.

Als diakonisches Projekt spricht «Urbane Diakonie» vor allem Kirchgemeinden sowie diakonische Stiftungen und Werke an, die vor Ort als Puls- und Taktgeberinnen einer neuen Kultur des Gemeinsamen, der Begegnung und des Solidarischen walten können und sollen. Das Projekt gibt ihnen Instrumente und Ideen in die Hand, wie sie diese Rolle als «Gemeinschaftsstifterinnen» in enger Zusammenarbeit mit öffentlichen und zivilgesellschaftlichen Institutionen sowie weiteren nahräumlichen Ressourcen ausgestalten können.

Kirchgemeinden und diakonische Werke, die mit ihrem sozialen Handeln auf die besonderen Bedürfnisse in städtischen Wohngebieten eingehen und dort als «Gemeinschaftsstifterinnen» neue Formen von Begegnung und Solidarität schaffen – das ist «urbane Diakonie».

Pilotprojekt Witikon

«Witikon ist ein Quartier der Stadt Zürich, an sonniger Hanglage mit Blick auf die Stadt und auf den Zürichsee, mit rund 10’000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Das Quartier weist stadtweit den grössten Anteil von Menschen aus, die über 65 Jahre alt sind (gegen einen Drittel). Das heisst, rund 3000 Menschen befinden sich im dritten und vierten Lebensalter. Es leben aber auch viele Familien mit Kindern in Witikon. Die evangelisch-reformierte Kirche und das Kirchgemeindehaus mit grossem Saal stehen mitten im Zentrum des Quartiers.

Die evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Witikon hat heute rund 3500 Mitglieder und ein breites Angebot für Kinder, Jugend, Familien, Erwachsene, sowie Seniorinnen und Senioren und Veranstaltungen im Bereich Philosophie, Kunst und Kultur. Ausgehend von der demografischen Situation hat die Kirchenpflege Arbeitsschwerpunkte auf ältere Menschen und Familien ausgerichtet. Sie will insbesondere ihre Altersarbeit weiterentwickeln und hat deshalb im Frühjahr 2015 beschlossen, sich am Projekt «Urbane Diakonie» als Pilotprojekt zu beteiligen. Das Kernthema im Projekt ist die Stärkung der Nachbarschaft.

Witikon; Wikimedia/Roland zh

Das Projekt Nachbarschaft der Kirchgemeinde richtet sich an Menschen im dritten und vierten Lebensalter, die in Witikon zu Hause sind, sowie an ihre Angehörigen, Freunde und Nachbarn. Sie sollen in der engeren Nachbarschaft und im Quartier Orte für Gemeinschaft, Beziehung und Austausch finden und zu selbstorganisiertem Handeln angeregt werden.

Dafür soll unter anderem auf dem Gelände der evangelisch-reformierten Kirche Witikon ein neuer Begegnungsort geschaffen werden. Dort sind die Menschen eingeladen, sich aktiv mit dem Älterwerden auseinanderzusetzen und sich selber mit ihren Interessen einzubringen. Sie sollen Unterstützung in lebenspraktischen und gesundheitlichen Fragen und einen Ort für Gemeinschaft und Beziehung finden. Die Planung dieses Begegnungsortes ist im Gang. Wenn alles im optimalen Zeitrahmen läuft, könnte im Laufe des Jahres 2017 ein erster Kaffee oder Tee im neuen Begegnungsort getrunken werden, Gespräche geführt, etwas Feines gegessen und viele Informationen rund ums Thema Nachbarschaft abgerufen werden.

Im Projekt «Nachbarschaft» sollen verschiedene Partnerinnen und Partner im Quartier wie Spitex, Hausärzte, das Gemeinschaftszentrum, die Pro Senectute, Senioren für Senioren usw. mit ihren Angeboten und Dienstleistungen einbezogen und vernetzt werden.

Verschiedene Themen, welche ältere Menschen, aber auch jüngere Menschen interessieren, werden aufgenommen. Eine erste Veranstaltungsreihe startet anfangs November 2016 mit dem Thema ‹Angehörige, Freunde und Nachbarn tragen Sorge, betreuen und unterstützen – manchmal bis an ihre Grenzen›. Es wird Input-Referate und Diskussionen geben. Danach soll das Thema nach Interesse der Leute in kleineren Gruppen während einer Phase weiter bearbeitet werden.

Perspektiven

Im Projekt «Urbane Diakonie» werden in den nächsten zwei bis vier Jahren folgende Aspekte gezielt ausgebaut:

Homepage

Die Homepage www.urbanediakonie.ch wird als sinnvolles Instrumentarium für Verantwortliche in Kirchgemeinden, Pfarreien, diakonischen Institutionen und sozialen Werken weiter entwickelt und ausgebaut, um in Quartieren und Stadtteilen die Solidarkultur in den Prozessen von Urbanität und Gentrifizierung zu fördern, zu stärken oder neu einzurichten im Zusammenspiel mit den entsprechenden Institutionen, Gruppen, Initiativen und Schlüsselpersonen.

Profession

Sogenannten Quartierlotsen, Quartierlotsinnen, Quartierentwicklerinnen und -entwickler sind eine Teilfunktion und Spezialisierung der Sozialarbeit als Gemeinwesenarbeit. Die Ausbildung der Fachkräfte wird in Zusammenarbeit mit den kirchlichen Aus- und Weiterbildungslehrgängen sowie den entsprechenden Angeboten der involvierten Fachhochschulen professionalisiert.

Pilotprojekte

Die Pilotprojekte in Zürich-Witikon und die Initiierung von weiteren Projekten in Basel und Bern, allenfalls auch in Zürich, wird weiter lanciert.

Forschungsschwerpunkte

Forschungsarbeiten zu Urbanität und Kontextualität von Diakonie als helfendes Handeln werden gezielt gefördert. In welcher Art und Weise wirkt der Sozialraum oder das Quartier auf den diakonischen Auftrag von Kirchgemeinden und Vereinen? Wie kann «Urbanität» umschrieben werden? Warum ist für das helfende Handeln der Kontext nicht nur konstitutiv, sondern auch inhaltlich prägend und ethisch normativ?

Fundraising

Wie können zukünftig im Bereich von Fundraising neue Quellen für diakonische Projekte erschlossen werden. In diesem Zusammenhang hat die Dozentur ein Fundraising-Konzept für diakonische und soziale Werke, Kirchgemeinden und Pfarreien erarbeiten lassen. Dieses Konzept kann bei der Dozentur für Diakoniewissenschaft bezogen werden.

Stiftung «Urbane Diakonie»

Die Stiftung «Urbane Diakonie» soll in den nächsten Jahren eine führende Rolle im Bereich von ökonomischer und wissenschaftlicher Förderung von Forschungsarbeiten, Pilotprojekten und Entwicklungsprozessen einnehmen.

Der Text ist zuerst erschienen im Jahrbuch Diakonie Schweiz 1 (2017) – ISSN 2504-3994. Pfr. PD Dr. Christoph Sigrist

Dozent für Diakoniewissenschaft, Universität Bern

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