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Aktion Flucht.Punkt – Wenn Flüchtlinge ins Pfarrhaus ziehen

Wer Not leidet und dringend Unterstützung braucht, wird von der kirchlichen Diakonie unterstützt. Ungeachtet dessen Rechtsstatus, heisst das konkret für die Flüchtlingshilfe. Wo der Staat überfordert ist, übernimmt die Diakonie eigentlich staatliche Aufgaben, zum Beispiel mit der Aktion Flucht.Punkt der Reformierten in Zürich. Das stösst auf Interesse – bei den Freiwilligen und bei den Flüchtlingen.

Diakonie ist die soziale Arbeit der reformierten Kirchen. Sie orientiert sich am Ideal der Nächstenliebe. Diakonie hilft allen Hilfsbedürftigen, unabhängig von Religion, Herkunft und Geschlecht. Ihr Ziel ist nicht die Mission oder das Werben für die Kirche. Ihr Ziel ist Hilfe – voraussetzungslos, qualifiziert, effektiv.

Diakonie ist vor Ort. Dort, wo die Menschen sind. Einheimische wie Fremde. Mit dem Beginn der Unruhen und Kriege zum Beispiel in Syrien sind die grossen Flüchtlingsbewegungen nach Europa im Mittelpunkt des medialen Interesses. Jedoch nicht nur dies – sie sind auch vor Ort, in den Gemeinden. Ende Juni 2017 lebten rund 48.660 anerkannte Flüchtlinge in der Schweiz. Vor zehn Jahren waren es knapp die Hälfte.

Wenn Flüchtlinge in der Schweiz ankommen

Kommen Flüchtlinge als Asylsuchende in die Schweiz, werden sie nach einem mehrmonatigen Aufenthalt in einem kantonalen Durchgangszentrum einer Gemeinde zugewiesen. Je nach Gemeinde werden sie in Kollektivunterkünften oder in Wohnungen untergebracht. Sobald Asylsuchende vom Staatssekretariat für Migration die vorläufige Aufnahme oder den Flüchtlingsstatus bekommen, müssen sie die Asylunterkunft verlassen und sich eine eigene Wohnung suchen.

In der Praxis ist es für diese Menschen sehr schwierig, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Ebenso schwierig ist die Suche nach einer Arbeitsstelle. Flüchtlinge mit einem F- oder B-Ausweis dürfen arbeiten, viele Arbeitgeber scheuen sich jedoch vor der Einstellung. Keine Arbeit und keine Wohnung: ein Teufelskreis sozialer Isolation, der die Integration, das Erlernen der deutschen oder französischen Sprache, den Kontakt zu Einheimischen erschwert.

Aktion Flucht.Punkt / Ämtler-Tandem

Ämtler Tandem, Reformierte Kirchgemeinde Mettmenstetten

Die Aktion Flucht.Punkt hilft

Mit der Aktion Flucht.Punkt hat die Reformierte Kirche im Kanton Zürich im Frühling 2015 eine Aktion zur konkreten diakonischen Hilfe vor Ort lanciert. Die rund 180 Gemeinden sind gebeten, in Kooperation mit den politischen Gemeinden Wohnraum für Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen oder zu vermitteln, Flüchtlinge bei der sozialen Integration zu unterstützten und ihnen bei der Arbeitsintegration zur Seite zu stehen.

Viele Kirchgemeinden besitzen Liegenschaften, die sie nicht mehr oder nur noch teilweise benötigen, heisst es im Leitfaden zum Projekt. Behördenmitglieder und Mitarbeitende von Kirchgemeinden verfügten oft über persönliche Beziehungen zu Hauseigentümern und Gewerbetreibenden. Freiwilligenarbeit habe zudem eine lange Tradition in der Kirche. Und schliesslich könnten viele bestehende diakonische Angebote auch Flüchtlingen zugänglich gemacht werden, um damit ihre Integration zu unterstützen.

Viele kirchendistanzierte Freiwillige haben sich bei den Gemeinden gemeldet, um zu helfen.

Rund 60 Kirchgemeinden beteiligen sich insgesamt an der Aktion Flucht.Punkt, die mehr sei als ein Projekt, betont Ivana Mehr, die Verantwortliche für die Aktion in der Reformierten Kirche Zürich: „Die Landeskirche ermutigt ihre Kirchgemeinden, sich verstärkt für Flüchtlinge zu engagieren. Das soll kein begrenztes Engagement bleiben.“ Die Akzeptanz innerhalb der Kirche sei gross. Die Kirche werde mit diesem Engagement in der Bevölkerung sichtbar, was auch die jüngste Zürcher Kirchenstudie belegte. „Viele kirchendistanzierte Freiwillige haben sich bei den Gemeinden gemeldet, um zu helfen“, so Mehr.

Aktion Flucht.Punkt / Ämtler-Tandem

Ämtler Tandem, Reformierte Kirchgemeinde Mettmenstetten

Flüchtlinge ziehen ins Pfarrhaus

Ein erfolgreiches Beispiel für die Umnutzung einer Liegenschaft bietet die Reformierte Gemeinde Bubikon ganz im Südosten des Kantons Zürich. Die Kirchgemeinde vermietet dem Sozialamt das alte Pfarrhaus für die Unterbringung von Flüchtlingen. Als die Nachbarschaft im Frühling 2015 informiert wurde, “gingen die Wogen hoch und wir spürten viel Widerstand und Misstrauen”, so Pfarrer Thomas Muggli-Stokholm, der das Projekt in Bubikon leitet. Als die ersten Flüchtlinge einzogen, hätten sich die Wogen jedoch geglättet. Seither begleite eine wachsende Gruppe von Freiwilligen der Kirchgemeinde die Flüchtlinge, unter anderem mit Sprachkursen. Das Sozialamt der Gemeinde hätte mittlerweile die Kirchgemeinde als Ressource auch für Freiwilligenarbeit entdeckt, was die Beziehungen zwischen der Kirche und der politischen Gemeinde erfreulich vertiefte. Stets offen bleibt die Frage, wie viel den Freiwilligen zugemutet werden darf und wie sie sich auf der anderen Seite abgrenzen selbst davor schützen können, vereinnahmt zu werden. “Alles ist herausfordernd, spannend und bereichernd”, so Muggli-Stokholm.

Ebenso wichtig ist die Unterstützung der Flüchtlinge im Alltag, um sich besser – oder überhaupt – in der Fremde zurechtzufinden. In Tandemprojekten begleiten freiwillige Bezugspersonen einen Flüchtling oder eine Familie. Das kann in einem spezifischen Bereich wie der Arbeitssuche sein, oder als generelle Alltagsbegleitung, bei der die Freiwilligen einen regelmässigen Kontakt mit einer Familie pflegen und sie dort unterstützen, wo es eben gerade nötig ist. In den 13 Kirchgemeinden des Bezirks Affoltern westlich des Zürichsees füllt das “Ämtler Tandem” diese Lücke. Das Projekt sei vielen Einwohnern des Bezirks bekannt und stosse auf ein grosses Interesse, so Projektleiterin Jana Weiss. Momentan seien 50 Freiwillige im Einsatz, die rund 280 Flüchtlinge im Alltag begleiteten. Die Pilotphase des Projektes ende im April des nächsten Jahres. Der Bedarf zeige, dass es das Ämtler Tandem auch weiterhin brauche.

Migrationsarbeit: wichtigstes Handlungsfeld der Diakonie

„Migrationsarbeit gehört neben der Altersarbeit zu den wichtigsten Handlungsfeldern der kirchlichen Diakonie. Sie wird insbesondere von den Sozialdiakoninnen und Sozialdiakonen sowie von Freiwilligen geleistet“, betont Simon Hofstetter, Geschäftsleiter der Diakonie Schweiz. Während staatliche Akteure nach dem Prinzip des Rechts funktionierten, fragte die kirchliche Diakonie nach dem Prinzip der Not oder des Bedarfs. Sie richte sich „zuweilen ganz an den Bedürfnissen der Rechtlosen oder Ausgeschlossenen aus“. Üblicherweise sei Migrationsarbeit klassische Aufgabe staatlicher Behörden, Träger wie die Diakonie hätten ergänzende Wirkung. „Die grossen Flüchtlingszahlen haben dieses Arrangement jedoch ins Wanken gebracht.“ Wo staatliche Akteure überfordert seien, übernähmen Träger wie die kirchliche Diakonie mehr und mehr staatliche Aufgaben, „was tendenziell zu einer Neujustierung des Wohlfahrtskorporatismus führt – die Grenzen der ehemals geordneten Aufgabenverteilung haben sich verschoben“.

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