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Andere bedrohen mein Selbst und ermöglichen es

Jeder Mensch lebt mit sich und mit anderen. Wer kein Einsiedler ist, muss Rücksicht nehmen und kann nicht immer komplett selbst bestimmen, wo es langgeht. Welche Konflikte dies mit sich bringt und warum die Selbstbestimmung trotzdem Ausgangspunkt und Ziel professioneller Sozialer Arbeit ist, war Thema einer Tagung am TDS Aarau.

„Selbstbestimmung“ wurde in den letzten Jahrzehnten immer wichtiger. Auch in der Sozialen Arbeit wurde sie gefordert und umgesetzt. In Abgrenzung zur Fremdbestimmung früherer Jahrzehnte scheint der selbstbestimmte Mensch Konsens. Gleichzeitig gibt es Spannungen zwischen der Autonomie der Klienten und den eigenen Werten von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern. Eine Tagung am TDS Aarau fragte, wie Fachpersonen in diesem Spannungsfeld unterstützt werden können, damit sie selbstverantwortliche Entscheidungen in ihrem Berufsalltag treffen können.

„Das Individuum lebt nicht nur aus dem eigenen Selbst, sondern empfängt auch von anderen.“ Pfr. Dr. theol. Paul Kleiner, ehemaliger Rektor TDS Aarau über die Bedeutung von Selbstbestimmung aus christlicher Sicht an der Fachtagung christliche Soziale Arbeit in Aarau.

„Das Individuum lebt nicht nur aus dem eigenen Selbst, sondern empfängt auch von anderen.“ Pfr. Dr. theol. Paul Kleiner, ehemaliger Rektor TDS Aarau über die Bedeutung von Selbstbestimmung aus christlicher Sicht an der Fachtagung christliche Soziale Arbeit in Aarau. Bild: TDS Aarau.

Selbstbestimmung ist im gesellschaftlichen Mainstream ein fundamentaler Wert.

Selbstbestimmung ist ein guter, gelingender Umgang mit dem eigenen und dem anderen Selbst. Und weil der Mensch sowohl Individuum als auch soziales Wesen ist, entstehen Konflikte. Das Selbst steht also im Spannungsfeld von Individuum und Gesellschaft, so Paul Kleiner. Unsere Alltagserfahrungen zeigten, dass das Gegenüber unser Selbst bedroht und ermöglicht, so der ehemalige Leiter des TDS Aarau im Vortragsskript. Stecke die Mutter das Kind in ein Laufgitter, sei der Andere „einengend und bedrohend für mein Selbst“. Liebe und nähre die Mutter dasselbe Baby jedoch, dann sei der Andere bereichernd für mein Selbst: „Beides ist wahr: Andere bedrohen mein Selbst und ermöglichen es.“

Die Selbstbestimmung des Einzelnen und damit auch der Klientel der Sozialen Arbeit sei im gesellschaftlichen Mainstream ein fundamentaler Wert, so Kleiner weiter. Auch im Berufskodex „Soziale Arbeit Schweiz“ liege der Fokus jedoch auf dem Individuum und nicht auf dem Menschen als soziales Wesen, was im Kontext sozialer Arbeit „erstaunlich“ sei. Erklärbar sei dies jedoch dadurch, dass Soziale Arbeit sich „meistens in asymmetrischen Beziehungen mit einem Machtgefälle“ bewege. Deswegen halte sie die Selbstbestimmung gegenüber „subtiler oder offener negativer Machtausübung“ besonders hoch.

Prekär sei die Situation in dem Moment, wenn ein Individuum unfähig zur Selbstbestimmung sei und Fremdbestimmung ins Spiel käme. Auch der Kontext der Selbstbestimmung psychisch kranker differenziere das Spannungsfeld weiter. So argumentiere der Basler Psychologe Niklas Baer, dass der Wunsch nach Autonomie hier „nicht als Prioritär beschrieben“ werde. Wenn Gesunde also definierten, dass für Kranke Selbstbestimmung höchste Priorität habe, nehmen sie diese gerade weg. Autonomie gehe also immer mit Abhängigkeit einher, so erläuterte Kleiner den Sozialwissenschaftler Dieter Röh. Aus dem Kontinuum von Selbstbestimmung und Empowerment gegenüber Abhängigkeit und Verantwortung gebe es keinen Ausweg. Zusammenfassend gehe es für Sozialarbeitende also darum, „inmitten aller Spannungen die Klientel bei der Verwirklichung ihres Selbst-in-Beziehung zu unterstützen und die eigene Selbstbestimmung zu leben“.

Die Dozentinnen für Soziale Arbeit Nina Wyssen-Kaufmann und Nathalie Fülbeck ergänzten die Überlegungen. Leitgedanke ihres Vortrags war laut Medienbericht, dass die Selbstbestimmung von Klientinnen und Klienten zugleich Ausgangspunkt und Ziel professioneller Sozialer Arbeit ist. Die Selbstbestimmung erweise sich als Schutzfaktor für alle Beteiligten. Daniel Berger, Leiter einer Mutter-Kind-Institution, ermutigte die Teilnehmenden zu „bestmöglichen Wegen“ mit dem Blick auf maximal mögliche Selbstbestimmung. Dazu gehöre die Bereitschaft, „mitschuldig“ zu werden. Oft könne man nicht wählen zwischen falsch und richtig, sondern nur zwischen einer kleineren und grösseren Schuld. Berger stellte die Selbstbestimmung der Klientin in den Mittelpunkt: „Die Entscheidung liegt schlussendlich in ihrer Verantwortung.“

Prof. Dr. phil. Nina Wyssen-Kaufmann, Dozentin Berner Fachhochschule (links) und Nathalie Fülbeck, lic. phil. I, Dozentin TDS Aarau, Sozialarbeiterin in der Opferhilfe (rechts) referieren über die Selbstbestimmung in der Sozialen Arbeit.

Prof. Dr. phil. Nina Wyssen-Kaufmann, Dozentin Berner Fachhochschule (links) und Nathalie Fülbeck, lic. phil. I, Dozentin TDS Aarau, Sozialarbeiterin in der Opferhilfe (rechts) referieren über die Selbstbestimmung in der Sozialen Arbeit. Bild: TDS Aarau.

Zur Tagung „Spannungsfeld Selbstbestimmung“ versammelten sich am 23. März laut Mitteilung mehr als hundert Interessierte am TDS Aarau. Veranstaltet wurde die Fachtagung von der Höheren Fachschule für Sozialpädagogik Zizers, dem Institut für christliche Psychologie, Therapie und Pädagogik, dem TDS Aarau, dem Heilsarmee Sozialwerk und den Christlichen Institutionen der Sozialen Arbeit. Verschiedene Workshops bearbeiteten Fallbeispiele im Spannungsfeld Selbstbestimmung in der Arbeitsintegration, dem Behinderten- und Migrationsbereich, der Arbeit mit psychisch beeinträchtigten Menschen, der Jugend- und Altersarbeit, der Sozial- und Familienberatung sowie im Bereich Mutter und Kind.

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