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Partizipation

Die neuen Freiwilligen wollen mitentscheiden

Partizipation statt Freiwilligenarbeit, Teilhabende statt Hilfsempfänger und Potenzial statt Missstand: Eine neue Studie des Gottlieb Duttweiler-Instituts macht Vorschläge, wie freiwilliges Engagement angesichts des gesellschaftlichen Wandels sinnvoll gestaltet werden kann.

„Das politische, gesellschaftliche und soziale Modell der Schweiz basiert auf dem freiwilligen Engagement der Bevölkerung“, so die Projektleiterin Soziales Cornelia Hürzeler vom Migros-Genossenschafts-Bund. Freiwilligkeit und Zivilgesellschaft verstünden sich als Ergänzung zum Staat, „allenfalls als Korrektiv und als Innovationsort“, nicht jedoch als Gegensatz.

Es gebe keinen Lebensbereich der Schweiz, der nicht massgeblich von Freiwilligenarbeit geprägt sei. Um der Zukunft der Freiwilligenarbeit neue Impulse zu geben, hat das Migros-Kulturprozent das Gottlieb Duttweiler-Institut mit einer Studie zum künftigen Zusammenspiel von Zivilgesellschaft, Markt und Staat beauftragt.

Die freiwillige Vernetzung der Gesellschaft ist ein soziales Schmiermittel und die Grundlage für das Funktionieren von Markt und Staat, schreiben entsprechend die Autorin und die beiden Autoren der Studie. Freiwillige engagierten sich, weil sie etwas Sinnvolles tun möchten. Damit Sinn entsteht, brauchen die Freiwilligen Freiräume, soziale Netze und das Gefühl, einen Unterschied machen zu können.

Der Markt übernimmt Aufgaben von den Freiwilligen

Der Staat übernimmt Aufgaben, die er für alle als notwendig betrachtet, wie Schulbildung oder Gesundheitsversorgung. Der Markt übernimmt Aufgaben, „wenn dafür gezahlt wird und die Zahlungen verrechenbar sind“. Welche Aufgaben werden aber dann von der Zivilgesellschaft erfüllt? Die Idee einer Konkurrenz zwischen den Akteuren finde jedenfalls keinen empirischen Beleg, so die Studie.

Es sei zu erwarten, dass in Zukunft mehr Aufgaben vom Markt übernommen würden, so die Autoren: „Viele Aufgaben, die heute Freiwillige schultern, werden künftig von Robotern erledigt“. Das sei kein Problem, wenn die Zivilgesellschaft „nicht als Ansammlung von Gratis-Arbeitskräften, also quasi auch Robotern“, angesehen würde. Zudem werde es immer schwieriger, für gewisse Aufgaben Freiwillige zu finden. Umdenken sei nötig.

Partizipation statt Freiwilligenarbeit

Entsprechend solle von „Partizipation“ statt von Freiwilligenarbeit gesprochen werden. So unterscheide man nicht zwischen Hilfeleistenden und Hilfsempfängern, sondern spreche von „Teilhabenden“, die gemeinsam Probleme angingen. Es gehe „um die Erkundung von Potenzialen und nicht um die Behebung von Missständen“. Zivilgesellschaftliches Engagement dürfe nicht „als Feuerwehr betrachtet werden, die erst ausrückt, wenn es brennt“.

Es seien eher gestaltungsorientierte Motive der Engagierten, die nicht so einfach an den Markt oder den Staat abgegeben werden könnten. So sei es nicht sinnvoll, eine Gemeinschaftsfeier an eine professionelle Firma abzugeben. Diese könnte zwar das „Wie“ der Feier übernehmen, das „Was“ lasse sich jedoch nicht delegieren: „Denn es geht um das Erlebnis, um Lernerfahrungen, Gemeinschaft, Anerkennung und persönliche Autonomie- und Wirksamkeitserfahrungen“. Dabei könnten digitale Tools eine grosse Hilfe sein, liesse sich hier doch niederschwelliger und einfacher Teilhabe mobilisieren.

Die Studie zeigt: Wer sich zukünftig engagiert, will sich schnell und projektbezogen einsetzen, nicht mehr nur Gratis-Arbeit leisten, sondern mitdenken und mitbestimmen, sowie Projekte hierarchiefrei verhandeln und entwickeln.

Das Engagement für die Gemeinschaft wandelt sich

Flexibilisierung, Individualisierung und Mobilität verändern die Weise des Engagements für die Gemeinschaft, so Hürzeler. Zunehmend würden kurzzeitige und unverbindliche Einsätze eingefordert, gleichzeitig steige der Anspruch auf Mitsprache und Mitbestimmung. Die neuen Freiwilligen wollten zunehmend mitentscheiden. Neue Partnerschaften zwischen Zivilgesellschaft, öffentlicher Hand und Markt seien deswegen nötiger denn je. Es brauche eine Diskussion darüber, wer welche Aufgaben übernehmen kann und soll „und wie hegemoniale Ansprüche transformiert werden könnten, damit eine Kooperationskultur entsteht, die von Partizipation, Augenhöhe und Vertrauen geprägt ist“.

Zivilgesellschaftliche Partizipation ist Basis unserer Demokratie, so die Autoren. Dennoch habe sich die Vorstellung von Freiwilligkeit als Partizipation bei Menschen und Organisationen, die Freiwillige suchen, noch nicht durchgesetzt. Damit Partizipation gelingt, müssten die etablierten Akteure Kontrolle abgeben, denn das Betreten von Freiräumen sei immer mit Risiken verbunden: „Nur Menschen, die Risiken eingehen, verändern die Welt.“

Paradigmenwechsel auch in der Diakonie

„Aus der Erfahrung der kirchlichen Diakonie teilen wir die Einschätzungen der Studie“, so Simon Hofstetter, Stabsleiter der Diakonie Schweiz. „Im Bereich der Freiwilligenarbeit ist ein Paradigmenwechsel feststellbar sowohl hinsichtlich der Motivation als auch der Form der Beteiligung: Während früher Freiwillige aus selbstlosen Motiven über einen längeren Zeitraum im vorgegebenen Arbeitsbereich engagiert waren, so suchen sie heute ein Engagement, das zeitlich befristet ist, das Nutzen stiftet, das Anerkennung bringt und in dem sie mitbestimmen können.“

Für die Kirchgemeinden führe dies dazu, dass sie sowohl andere, neue Formen der Freiwilligenpartizipation bereitstellen, aber insbesondere auch neue Ressourcen für die „Pflege“ der Freiwilligen investieren müssen, so Hofstetter: „Nur wenn die Freiwilligen auch gefördert, wertgeschätzt, richtig informiert sind, bleiben sich auch in kirchlichen Kreisen aktiv, wenn nicht, dann springen sie schneller ab.“

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