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Leitfaden zur Freiwilligenarbeit für reformierte Kirchgemeinden: „Freiwilligenarbeit macht glücklich“

Freiwillige ermöglichen der Schweiz eine vielfältige Vereinslandschaft und ein starkes soziales Engagement. Rund 200’000 oder rund sechs Prozent der Schweizerinnen und Schweizer sind in Kirche und Diakonie aktiv. Bei der Organisation dieser Freiwilligenarbeit stellen sich viele Fragen. Der jüngst überarbeitete „Leitfaden zur Freiwilligenarbeit für reformierte Kirchgemeinden“ gibt Orientierung.

Ohne Freiwilligenarbeit steht die Gesellschaft still, heisst es gleich zu Beginn der 60-seitigen Broschüre. Und: „Freiwilligenarbeit macht glücklich“, verändern doch sinnstiftende Aktivitäten das seelische und körperliche Wohlbefinden zum Positiven.

In den reformierten Kirchen hat die Freiwilligenarbeit langjährige Tradition. In der Tat liegen die Kirchen an zweiter Stelle hinter den Sportvereinen, die rund zehn Prozent der Bevölkerung mobilisieren. Und fragt man wie der deutsche Freiwilligensurvey, wo Menschen, die nicht freiwilig tätig sind, im Falle wirken wollten, interessieren sich viele für den Bereich Religion und Kirche.

Chancen und Anforderungen machen klar, dass eine Kirchgemeinde oder ein diakonisches Werk den Bereich freiwilliger Mitarbeit aktiv und professionell bewirtschaften muss. Hier kommt der Leitfaden ins Spiel.

Behörden und verantwortliche Mitarbeitende müssen für klare Rahmenbedingungen, eine sorgfältige Begleitung und eine passende Anerkennungskultur sorgen. Dazu will der Leitfaden zur Freiwilligenarbeit mit grundlegenden Gedanken wie mit praktischen Arbeitsmaterialien Hand reichen.

Leitfaden zur Freiwilligenarbeit

Der Leitfaden dient als Grundlagedokument in den Schulungskursen (neu im Kirchgemeinderat, Vikariatskurs und RefModula) und in Beratungen zum Thema.

Rahel Burckhardt

Beauftragte Freiwilligenarbeit, Reformierte Kirchen Bern-Jura-Solothurn

Freiwilligenarbeit

Der Leitfaden definiert die Freiwilligenarbeit als „gemeinnützigen Beitrag an Mitmenschen und Umwelt“ und listet dafür einige Kriterien auf. So geschieht das Engagement aus freiem Willen und „schliesst Aufgaben innerhalb der Kernfamilie und der Erwerbsarbeit aus“. Überzeit ist also keine Freiwilligenarbeit.

Ferner ist die Arbeit unentgeltlich. Weder Arbeitszeit noch Arbeitsleistung werden finanziell entlohnt. Und da diese Form der Arbeit die bezahlte Erwerbsarbeit ergänzen soll, ist sie im Jahresdurchschnitt auf sechs Stunden pro Woche begrenzt.

Schliesslich sind freiwillige Verpflichtungen selbst gewählt und nicht an einen rechtlich verbindlichen Arbeitsvertrag gebunden. Die Engagierten bestimmen Art und Umfan der Aufgaben mit. Getroffene Vereinbarungen können entsprechend in Absprache verändert werden.

Freiwilligenarbeit wirkt integrierend, stellt der Leitfaden fest. Die freiwillig Engagierten „schaffen einen Mehrwert an Gemeinschaft und stärken soziale Netze“. Gebende und Nehmende aus verschiedenen Bevölkerungsschichten begegneten sich. Freiwillige wirkten in ihrem Alltag als Botschafterinnen und Botschafter über die Gemeinden hinaus.

 

Die Freiwilligen

Frauen zwischen 45 und 74 Jahren bilden die stärkste Gruppe der kirchlichen Freiwilligen. Jede zehnte Frau ab 60 engagiert sich demnach freiwillig in kirchlichen Organisationen. Mit sechs Prozent sind danach die 15-29-jährigen Frauen gleichauf mit der am stärksten vertretenen Gruppe der 45-74-jährigen Männer. Wer sich wenig engagiert, sind die Frauen und Männer zwischen 30 und 44 Jahren.

2,7 Stunden engagieren sich die Freiwilligen durchschnittlich pro Woche. Dies entspricht einem geschätzten jährlichen Arbeitsvolumen von hochgerechneten 28 Millionen Stunden.

Nach der Motivation gefragt, geben 84% der Freiwilligen an, anderen Menschen helfen zu wollen. 75% möchten mit anderen etwas bewegen. 57% wollen ihre Kenntnisse und Erfahrungen erweitern, 49% möchten sich weiterentwickeln. Am Ende der Motivationskette steht mit 12% der Nutzen für die persönliche berufliche Laufbahn.

In der Freiwilligenarbeit sei ein Paradigmenwechsel sowohl hinsichtlich der Motivation sowie auch der Form der Beteiligung feststellbar, so Simon Hofstetter, Stabsleiter der Diakonie Schweiz.

Die wichtigen Fragen rund um Freiwilligenarbeit sind an einem Ort gebündelt vorhanden. Die Aufteilung in Theorie und Arbeitsinstrumente hilft in der täglichen Arbeit. Die Inhalte werden in der Regel verstanden und deshalb oft akzeptiert.

Christian Härtli

Fachstelle Diakonie, Reformierte Kirche Aargau

Freiwillige hätten sich lange Zeit aus selbstlosen Motiven für eine lange Zeit in einem ihnen vorgegebenen Wirkungsbereich engagiert. Freiwillige suchten jedoch heute ein anderes Engagement: „Das Engagement muss ihnen einen Nutzen stiften, sie verlangen für ihre Arbeit Anerkennung, sie wollen mitbestimmen und eigene Ideen einbringen können.“ Und sie engagierten sich projektbezogen, also für eine bestimmte Idee und für eine abgegrenzte Zeitdauer: „Das Engagement muss heute auch attraktiv sein – freiwillig Tätige wählen ihr Engagement aus und können, falls es ihnen nicht passt, auch abspringen.“

Freiwillige beteiligen

So vielseitig die Freiwilligen sind, so unterschiedlich ist ihr Interesse an Mitbestimmung, stellt der Leitfaden zur Freiwilligenarbeit fest. Zunehmend wollen sie in ihrer Freizeit Ideen umsetzen und mit anderen etwas gestalten. Sie sollten also die Möglichkeit haben, sich dort zu betätigen, wo sie ihre Fähigkeiten einbringen können und wo es ihnen Freude macht.

Dabei haben sie ein Anrecht auf zuverlässige und transparente Informationen in ihrem Arbeitsgebiet. Dies ermögliche eine eigene Meinungsbildung und fördere Mitdenken und Mitverantwortung. Wie das aussieht, solle von Freiwilligen, Angestellten und Behörde gemeinsam ausgehandelt werden. Wichtig sei, Freiräume für Eigeninitiativen vorzusehen. Ziel sei „ein klarer Rahmen, der allen Beteiligten einen maximalen Handlungsspielraum ermöglicht“.

Klare Verhältnisse, Respekt und Anerkennung ist, was Freiwillige erwarten: Ob jemand lieber begleitet wird oder viel Freiraum wünscht, muss klar sein. Wer sich freiwillig engagiert, will ernst genommen werden und sinnvolle Einsätze erleben – und diese sollen dann auch wahrgenommen und geschätzt werden: „Sicher ist es für alle Engagierten motivierend und befriedigend, wenn sie sehen, dass sie durch ihre Mitarbeit etwas bewirken können und dies gewürdigt wird.“

Gleichzeitig gehen die Freiwilligen einige Verpflichtungen ein. Die Schweigepflicht ist ein wichtiger Aspekt darin, die notwendige Sorgfalt gegenüber ihrem Umfeld und die Loyalität gegenüber der Gemeinde.

Leitfaden zur Freiwilligenarbeit

Leitfaden zur Freiwilligenarbeit

Im Anschluss liefert der Leitfaden wertvolle Hinweise für die Aufgaben der verantwortlichen Mitarbeitenden sowie der Behörden, damit die Zusammenarbeit mit den Freiwilligen gut funktioniert und auf Augenhöhe möglich ist. Von der Einführung über die Begleitung und Auswertung werden dabei Hinweise und Anregungen gegeben, die im zweiten Teil des Leitfadens mit einer Vielzahl an praktischen Arbeitsmaterialien ergänzt wird. „Die wirkungsvollste Visitenkarte einer Kirchgemeinde sind zufriedene und kompetente Freiwillige“, so der Leitfaden.

„Das vielfältige Mitwirken der Freiwilligen bringt zum Ausdruck, dass die Kirche vom Miteinander aller Beteiligten lebt, die je ihre unterschiedlichen Fähigkeiten und Begabungen einbringen“, so Hella Hoppe, Geschäftsleiterin des mitherausgebenden Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes.

Die Leute sind immer wieder erstaunt, dass praktische alle Fragen rund um Freiwilligenarbeit im Leitfaden beantwortet werden und dass viele nützliche Arbeitsinstrumente direkt anwendbar sind.

Maya Hauri Thoma

Beauftragte für Diakonie, Ev.-reformierte Kirche des Kantons St. Gallen

Der Leitfaden biete „eine fundierte Übersicht über viele Fragen und Aufgaben, weist aber zugleich darauf hin, dass die Begleitung von Freiwilligen nicht bloss nebenher laufen kann, sondern dass das Freiwilligenmanagement eine Aufgabe darstellt, die nur mit dem Einsatz von gründlichen Fachkenntnissen und ausreichenden Ressourcen zu leisten ist“.

Der Leitfaden zur Freiwilligenarbeit für reformierte Kirchgemeinden wird herausgegeben von den Fachstellen der Reformierten Landeskirche Aargau, der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Basel-Landschaft, der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St.Gallen, der Reformierten Kirche Kanton Zürich und vom Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund. Miterhausgeberinnen sind die Evangelisch-reformierte Kirche beider Appenzell, die Evangelisch-reformierte Landeskirche Graubünden, die Reformierte Kirche Kanton Luzern, die Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons Schaffhausen und die Evangelische Landeskirche Thurgau.

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