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Ist das Internet schuld am Freiwilligensterben?

Das Internet hält junge Menschen davon ab, sich in Vereinen freiwillig zu betätigen. Ältere Menschen jedoch mobilisiert es genau dazu. Warum das Netz Konkurrenz und Brücke zugleich ist, haben Forscher jetzt herausgefunden. Vereine müssen sich der digitalen Revolution stellen, lautet die Konsequenz.

Internetnutzer sind weniger wahrscheinlich in Vereinen freiwillig tätig. Das ist die kürzest mögliche Zusammenfassung der Ergebnisse einer jüngst veröffentlichten Studie. Markus Freitag und Maximilian Filsinger von der Universität Bern haben untersucht, wie die Internetnutzung mit der Bereitschaft zur Freiwilligenarbeit in Vereinen in Verbindung gebracht werden kann.

Seit dem Ende der 1990er Jahre verkleinert sich das Reservoir am freiwillig Tätigen in Vereinen, schreiben die Forscher: Viele Stimmen beklagten sich deshalb über die fehlende Bereitschaft des gesellschaftlichen Engagements in der Schweiz.

Dieser Rückzug ins Private werde allenthalben mit dem Aufkommen des Internets und der Digitalisierung unserer Lebenswelt in Verbindung gebracht. Besonders die Vereine litten darunter, sei diese doch durch ein höheres Mass an Regelmässigkeit und Verpflichtung gekennzeichnet als zum Beispiel die Nachbarschaftshilfe. Sie sei deshalb „verwundbarer“, wenn es um den eigenen Einsatz ginge.

Freiwilligensterben

Betrachten junge Menschen das Internet eher als Alternative zur Freiwilligenarbeit, hilft es älteren Menschen eher dazu, Hürden auf dem Weg zur Freiwilligenarbeit abzubauen.

Freizeit ist eine begrenzte Ressource, um die das leicht zugängliche Internet und die anspruchsvolle Freiwilligenarbeit konkurrieren, so eine Grundannahme der Forscher. Und tatsächlich zeigen die Ergebnisse der Studie eine negative Beziehung zwischen der Internetnutzung und der Wahrscheinlichkeit, innerhalb eines Vereins freiwillig tätig zu sein. Allerdings entscheidet hier das Alter, denn diese Erkenntnis gilt nur für Personen unter 38 Jahren. Umgekehrt engagieren sich Personen über 55 Jahren wahrscheinlicher freiwillig in Vereinen, wenn sie das Internet täglich gebrauchen. Betrachteten junge Menschen das Internet eher als Alternative zur Freiwilligenarbeit, helfe es älteren Menschen eher dazu, Hürden auf dem Weg zur Freiwilligenarbeit abzubauen.

Das Internet mobilisiert ältere Menschen, leiten Freitag und Filsinger daraus ab. Sie könnten einfacher und schneller kommunizieren. Ausserdem verliere eine mögliche eingeschränkte Mobilität den Status einer unüberbrückbaren Barriere, da bestimmte Aufgaben nun auch online erledigt werden könnten. Schliesslich hofften ältere Menschen eher auf Gegenseitigkeit, später selbst Hilfe zu erhalten, wenn sie sich jetzt engagierten. In Zeiten einer älter werdenden Gesellschaft mögen diese Ergebnisse „die eine oder den anderen sicher hoffnungsfroh stimmen“, so die Forscher

Trägt das Internet zum organisierten Freiwilligensterben bei?

Ebenfalls relevant ist laut der Studie noch die Frage, ob soziale Medien genutzt werden oder nicht. Facebook und Twitter wirkten nicht sozial isolierend, sondern beflügelten die Zahl sozialer Kontakte, da sie interaktiv ausgelegt seien. Lediglich wer auf die Interaktivität verzichte und vor allem reine Streaming-Plattformen wie Netflix konsumiere, isoliere sich. Freilich liegt die Vermutung nahe, dass Menschen, die auch Online aktiv die Interaktion vermeiden, sich ohne Internet trotzdem nicht freiwillig engagierten, einfach weil es ihnen nicht liegt. Trägt das Internet zum organisierten Freiwilligensterben bei? Das könne nicht mit Gewissheit bewertet werden, so Markus Freitag gegenüber diakonie.ch. Die Forschungen stünden noch am Anfang; weiteren Fragen der Kausalität und des Einflusses verschiedener Nutzungsarten gelte es in Zukunft nachzugehen.

Auch der 2016 zuletzt veröffentlichte Freiwilligen-Monitor stellt die Abnahme der freiwilligen Tätigkeit in Vereinen fest. Waren 2006 noch 28 Prozent der Wohnbevölkerung ab 15 Jahren in Organisationen tätig, sank diese Zahl bis 2014 auf 25 Prozent Leicht auf 38 Prozent angestiegen ist demnach hingegen die Zahl derjenigen, die sich ausserhalb von Organisationen zum Beispiel in der Nachbarschaftshilfe betätigen.

Einen hohen Stellenwert nimmt bei den unter 35-Jährigen jedoch die Freiwilligkeit im Internet ein. 40 Prozent engagieren sich hier für eine Facebook-Gruppe oder eine Vereinswebseite. Wie steht dies im Verhältnis zu den Studienergebnissen? Löst sich die Konkurrenz zwischen Internet und Freiwilligenarbeit hier nicht auf? „Sofern die Online-Freiwilligkeit als eine ernstzunehmende Alternative zur alltäglichen realweltlichen Arbeit in Vereinen angesehen wird und vielleicht sogar als ein Sprungbrett für letztere dienen kann, mag dies zutreffen“, so Markus Freitag. Allerdings werde dies „für bestimmte Inhalte der Freiwilligenarbeit gelten, für andere eher weniger“.

Was soll Vereinen die Untersuchung nun sagen? Sollen sie im Internet auf Freiwilligenakquise gehen, indem sie denen, die noch nicht wollen, dort begegnen? „Vereine müssen sich der digitalen Revolution stellen“, betont Freitag. Hilfreich sei schon ein vielleicht von jungen Menschen konzipierter „ordentlicher Internetauftritt“ und die Vernetzung auf sozialen Plattformen. Möglichkeiten gebe es ausserdem in der Lockerung von Machtstrukturen und Pflichten oder darin, Neumitgliedern mehr Mitspracherecht einzuräumen. Freitag: „Und nicht zuletzt müssen sie viel daran setzen, Angebote für junge Menschen zu schaffen – denn sie sind die Motoren der Vereine“.

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