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Digitalisierung und Freiwilligenarbeit

Braucht es vermittelnde Organisationen für Freiwilligeneinsätze in Zeiten der digitalisierten Vernetzung noch? Ende November haben Fachleute an der Jahrestagung des Netzwerks «freiwillig. engagiert» in Bern diskutiert, was Digitalisierung für Organisationen, die auf Freiwilligenarbeit angewiesen sind, bedeutet und wie nutzbringend damit umgegangen werden kann.

Vereine, Kirchgemeinden und andere traditionelle Gemeinschaften haben schwer, für ihre Aktivitäten Mitglieder und Freiwillige zu gewinnen. «Das liegt nicht daran, dass sich die Menschen heute nicht mehr engagieren wollen. Sie wollen sich nur nicht in den starren Strukturen von Organisationen engagieren», stellt Jakub Samochowiec, Sozialpsychologe und Forscher des Gottlieb-Duttweiler-Instituts GDI, fest. Er nennt diese Engagierten die «wirklich freiwilligen Freiwilligen», da sie nicht mehr den sozialen Gepflogenheiten in ihrer Gemeinde oder in ihrer Familie folgen, sondern eigenständig wählen, wofür sie sich einsetzen.
Digitalisierung und Freiwilligenarbeit | Diakonie Schweiz

Jahrestagung Netzwerk freiwillig.engagiert. Bild: Netzwerk freiwillig.engagiert.

Dadurch, dass die Digitalisierung alle Lebenslagen durchdringt, entstehen jedoch nicht nur neue Formen der Vernetzung, sondern auch neue Formen des freiwilligen Engagements

Dank sozialen Netzen wie etwa Facebook, der am meisten verbreiteten Social-Media-Plattform in der Schweiz, können sie sich ad hoc mit Gleichgesinnten für eine sinnstiftende Tätigkeit entscheiden, ohne zuerst Teil einer Organisation oder Institution zu werden. Ein Beispiel dafür sind städtische Brachen, auf denen durch das anfänglich unkoordinierte Engagement vieler Interessierten Neues entsteht: Gärten, Flohmärkte, Spielparks.

Dadurch, dass die Digitalisierung alle Lebenslagen durchdringt, entstehen jedoch nicht nur neue Formen der Vernetzung, sondern auch neue Formen des freiwilligen Engagements: Das Erstellen von Wikipedia-Einträgen, Tutorials oder Vorlesungen auf You-Tube oder etwa das Gegenlesen eines Bewerbungsdossiers, um das jemand über eine digitale Plattform bittet. Diese Dienstleistungen kann jemand spontan erbringen, wenn er oder sie gerade Zeit und Lust dazu hat.

Was bedeutet es für Institutionen wie zum Beispiel Hilfswerke, Kirchgemeinden oder WWF-Sektionen, wenn sich Nachfragende und Anbietende heute problemlos über Apps und Websites finden? Braucht es sie dann noch, um Freiwilligenarbeit zu organisieren? Und wie können sie «freiwillige Freiwillige» gewinnen?

Präzisere Angebote dank Digitalisierung

«Die erfolgreichste Vermittlung ist und bleibt die Mund-zu-Mund-Kommunikation im unmittelbaren Umfeld», sagt Thomas Hauser, Geschäftsleiter von benevol Schweiz. Die Organisation unterstützt und berät über 1700 Mitglieder in Bezug auf Freiwilligenarbeit. Durch persönliche Empfehlung könnten aber nur Menschen aus dem unmittelbaren Umfeld für einen Freiwilligeneinsatz gewonnen werden, gibt er zu bedenken. Deshalb empfiehlt er, in lokalen Medien wie Radio oder Zeitung punktuell Werbung zu schalten. Die schweizweit erfolgreichste Plattform www.benevol-jobs.ch registriere kurz nach einem Aufruf am Radio jeweils merklich mehr Interessenten. Seit Anfang 2018 können sich Freiwillige darauf ein Profil mit ihren Vorlieben und Möglichkeiten verpassen. Dadurch erhalten sie jene Angebote, die für sie attraktiv sind. Bis November wurden 2018 über die Plattform schon 2500 Einsätze an Freiwillige vermittelt.

Auf Digitalisierung des Datenmanagements der Freiwilligen und ein digitales Instrument in der Freiwilligenorganisation setzt auch das Schweizerische Rote Kreuz SRK. Es hat zusammen mit anderen nationalen Akteuren die App «Five up» entwickeln lassen, das für Engagierte kostenlos ist.

Vertrauensvorsprung

Plattformen etablierter Hilfswerke und Organisationen haben gemäss Hauser von benevol Schweiz einen Vorteil gegenüber von Ad-hoc-Netzwerken: Sie legen grossen Wert auf das Vertrauen zwischen Anbietenden und Nachfragenden von freiwilligen Dienstleistungen. Das heisst, Anbieterin und Nachfragerin kommunizieren zunächst nicht direkt miteinander, sondern über die Einsatzorganisation. Mit ihrem Namen und mit ihr verbundenen Personen steht die Einsatzorganisation, etwa ein Sportverein, für die Qualität und die Legitimation des Einsatzes ein. So wird Missbrauch vorgebeugt.

Plattformen ohne persönliche Vermittlung gehen diese Problematik anders an. GDI-Forscher Samochowiec verweist auf den Autofahrtenvermittler Uber und die Zimmervermieterin Airbnb, die mittels Verträgen und mit beidseitigen Ratings für Absicherung sorgen.

Digitalisierung verlangt nach anderen Prozessen
Das Beispiel zeigt: die Digitalisierung im Bereich Freiwilligenarbeit bedeutet mehr als den Austausch des schwarzen Bretts gegen eine App. Es braucht neue Kontrollmechanismen und neue Formen der Angebotsgestaltung. Die zunehmende Selbstorganisation von Anbietendenden und Nachfragenden ist näher am Puls der Beteiligten und passt sich rascher und flexibler den Bedürfnissen aller Beteiligten an als dies eine klassische Top-Down-Organisationsstruktur tun kann. Organisationen, die möglichst vielen Menschen helfen und möglichst vielen eine sinnvolle Tätigkeit ermöglichen wollen, müssen ihre Arbeitsweise und Strukturen deshalb überdenken. «Bei der Digitalstrategie geht es nicht darum, einfach bestehende Prozesse zu digitalisieren und dafür passende Instrumente zu finden. Das Schweizerische Rote Kreuz versteht Digitalisierung als einen Organisationsentwicklungsprozess», schreiben Marcin Wesolowski und Carine Fleury Bique in ihrem Beitrag zur Tagung des Netzwerks «freiwillig. engagiert». Wesolowski, Leiter der Stabstelle Digitale Entwicklung und Fleury, Leiterin der Freiwilligenarbeit beim SRK, geben zu bedenken, dass es bei der Digitalisierung nicht nur um die Einführung neuer Technologien geht, sondern um «eine intensive Arbeit mit den Menschen, die eine Organisation letzten Endes ausmachen.»
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