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Zukünftige Herausforderungen für diakonische Werke

Der wachsende religiöse und weltanschauliche Pluralismus und seine Konsequenzen für diakonische Organisationen. Ein Gastbeitrag von Christoph Zingg, Gesamtleiter des Sozialwerkes Pfarrer Sieber.

Bereits heute leben Menschen unterschiedlichsten Glaubens, unterschiedlichster religiöser und weltanschaulicher Prägung in unserer Gesellschaft und insbesondere in unseren Städten zusammen. In unseren Städten finden sich Kirchen neben Moscheen und Synagogen. Finden sich die verschiedensten Ethnien, Sprachen und kulturellen Prägungen. Finden sich die unterschiedlichsten politischen Färbungen und Einstellungen. Finden sich eine Vielzahl von Wahrheiten, Seite an Seite.

Dies mit weitreichenden Folgen: Es gibt nicht mehr nur eine, die eine Wahrheit. Es gibt nicht mehr nur den einen Glauben, die eine Überzeugung, die eine mehrheitsfähige Sprache. Das bedeutet, dass die Orientierung in dieser Vielfalt immer anspruchsvoller wird. Dies betrifft vor allem jüngere Menschen, und dies wiederum betrifft uns als christliche Kirchen ganz besonders: Weniger als 30% der jungen Menschen unter 25 fühlen sich aktiv einer christlichen Kirche oder Gemeinschaft zugehörig. Das heisst, dass nur noch knapp ein Drittel der Generation, die das Zusammenleben in unseren Städten inskünftig gestalten und verantworten wird, sich aktiv mit christlichen Inhalten und Werten auseinandersetzt. Es sind dies aber genau die Inhalte und Werte, welche die christliche Diakonie begründen und bis heute steuern.

Parallel zu dieser Tendenz beobachten wir eine zweite Tendenz, die direkt mit den aktuellen Migrationsbewegungen zusammenhängen. Für viele Migrantinnen und Migranten stellt ihre Religionszugehörigkeit ein wichtiger Teil ihrer Identität dar – einer Identität, die hier, in der wahrgenommenen Fremde, erst einmal in Frage gestellt wird. Was sie im Laufe ihrer Migration an soziokulturellem Boden verloren haben, holen sie sich in der religiösen Zugehörigkeit zurück. Sie identifizieren sich in der Fremde stärker über ihre Religionszugehörigkeit als in ihrer Heimat. Rund 30% aller Kinder an unseren Schulen haben das, was man gemeinhin Migrationshintergrund nennt.

Die christliche Diakonie muss sich also darauf einstellen, dass nur noch ein Drittel der Gesellschaft ihre Werte und Inhalte kennt und trägt, und dass ein weiteres Drittel einen religiös und weltanschaulich anderen Ansatz pflegen wird.

Die Erfahrung des «Andersseins» als religionsphänomenologische und soziokulturelle Grösse

Damit kommen wir zu einer zweiten Perspektive, die mit Blick auf die zukünftigen Lebensgemeinschaften in unseren Städten, so wir überhaupt von Lebensgemeinschaften reden können, immer wichtiger wird.

Es geht um das, was der deutsche Philosoph Bernhard Waldenfels «Das Recht auf Anderssein» beschreibt. Zunächst beschäftigt sich Waldenfels mit dem Begriff des Fremden. Fremdsein, Fremdheit, bezieht sich immer auf eine bestimmte Ordnung, auf eine Gesellschaftsordnung beispielsweise. In Bezug auf eine bestimmte Ordnung ist das Fremde das Ausserordentliche, das, was in eben dieser Ordnung nicht sagbar, denkbar, vorstellbar ist. Es ist die Ordnung, die bestimmt, was fremd ist und was nicht. Vor dieser Feststellung plädiert Waldenfels das Recht auf das Anders-Sein. Andres- Sein als Grösse, die sich nicht zwingend auf eine bestehende Ordnung bezieht, sondern eigenständig ist und frei. Der Fremde wird zum Anderen, der in diesem Anders-Sein seine Berechtigung hat.

Vor dem Hintergrund einer Ordnung, die sich, wie wir oben gesehen haben, schleichend auflöst, weil sie von immer weniger Menschen getragen wird, wird diese Feststellung zu einer ganz besonderen Herausforderung. Das oder der Andere ist nicht mehr die Ausnahme, sondern wird zur Regel, wird radikal. Das bedeutet, dass die Menschen in der zukünftigen Gemeinschaft lernen müssen, das Fremde nicht nur zu akzeptieren, sondern zu denken. Das Andere, Anderssein wird nicht mehr die Ausnahme sein, sondern eine Grundvoraussetzung. Und die damit einhergehende Erfahrung der Entfremdung, der drohenden Heimatlosigkeit. Bernhard Waldenfels sagt es so: Fremdheit kann auf viele Arten beschrieben werden, nicht zuletzt als Anfang. Fremdheit löscht nicht alles, was in unserer modernen Tradition ist bezeichnet als “Subjekt” und “Rationalität”, aber es führt zu der Erkenntnis, dass niemand jemals ganz zu Hause ist in sich selbst oder in der eigenen Welt. “

Das Engagement mit dem Fremden und den Fremden als diakonische Herausforderung

Die Diakonie muss sich darauf einstellen, sich sowohl mit dem Fremden – im Sinne eines Lebensgefühls – als auch mit den Fremden im Sinne konkreter, vorfindlicher und lebendiger Menschen zu engagieren. Dass dies weit über die Integration von Flüchtlingen hinausgeht, ist auf Grund des oben Festgestellten klar.

Wenn wir uns überlegen, wo und wie wir uns als Diakonie in diesen Fragen engagieren können, stossen wir auf den alten biblischen Begriff der Bruderliebe / Geschwisterliebe. Wie bereits gehört, müssen wir damit rechnen, dass dieser Begriff einer breiten Bevölkerungsschicht nicht mehr geläufig sein wird. Er birgt in sich aber das Potential sich auch in einer vielfach säkularisierten und pluralisierten Gesellschaft neu zu positionieren.

Warum? Erstens weil die Geschwisterliebe auch in Zukunft die grundlegende Motivation jeden Diakonischen Handelns sein wird. Die urdiakonischen Fragen «Wer bist Du – und was brauchst Du» werden auch in einer vielfach säkularisierten und pluralisierten Gesellschaft gestellt werden dürfen, gestellt werden müssen – vielsprachig, vielfältig, aber gestellt. Sie stehen am Anfang jeder diakonischen Begegnung, und sie sind von der Liebe getragen.

Zweitens weil sie alle Menschen inkludiert. Bedingungslos. Ungeachtet ihrer Ethnie, Nationalität, Hautfarbe, Sprache kultureller Prägung und politischer Gesinnung. Das ist nicht immer leicht auszuhalten, aber genau in dieser Generalität liegt ihre Stärke. Allen Menschen wird bedingungslose Liebe zuteil.

Und weil die Geschwisterliebe genau deshalb – drittens – das Potential hat, Grenzen zu überschreiten. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter steht zeichenhaft auch dafür, das Gleichnis ist wirklich zeitlos. Weshalb: Es erzählt von einer Begegnung, welche rein durch die Geschwisterliebe bestimmt ist, jener Liebe, die allen Menschen zuteil wird und die Grenzen überwindet. Hier der geschundene Judäer, dort der helfende Samaritaner. Zwei Menschen, die sich sprachlich, kulturell und in Bezug auf ihren materiellen Wohlstand und das gesellschaftliche Ansehen nicht stärker unterschieden können.

Es erzählt von einer Begegnung, die von tiefem Respekt geprägt ist und die Agierenden je in ihrem Anderssein bewahrt, in der nach den Grundsätzen der Barmherzigkeit, der Menschenwürde und der Gottebenbildlichkeit aller Menschen gehandelt wird.

Zwei weitere Themen, die unsere Gesellschaft inskünftig wesentlich prägen, möchte ich der Vollständigkeit halber noch kurz einführen:

Erstens die Generationenfrage: Menschen werden älter, und sie werden je nach kulturellem Hintergrund, anders älter. Ihnen folgt eine Generation, die in Bezug auf ihre Werte, ihre Orientierung, aber auch in Bezug auf ihre materiellen Möglichkeiten, unendlich vielfältig sein wird. Was wir in Bezug auf die Vielfalt, die Pluralität in Sachen Glauben, Weltanschauung und Orientierung gehört haben, wird sich auch im Verhältnis der Generationen abbilden. Was wird es inskünftig heissen, in Würde alt zu werden? Wer wird sich für die Geschichten der Alten interessieren? Was bedeutet inskünftig Generativität? Wie werden die folgenden Generationen die Alten wahrnehmen und mit welcher Brille? Einer kulturellen, traditionellen, religiösen, einer wirtschaftlichen oder soziokulturellen? Wie werden die Generationen einander inskünftig wahrnehmen. Was tragen diakonische Werke zu einer würdigenden, wertschätzenden Wahrnehmung zwischen den Generationen bei?

Zweitens die wachsende Ungleichheit zwischen arm und reich. Der Mittelstand verschwindet, immer weniger Menschen verfügen über immer mehr Ressourcen. Relative Armut wird mehr als die Hälfte der Menschen in unseren Städten bedrohen oder gar betreffen. Armut bedeutet nicht nur Einschränkung in Bezug auf Nahrung, Kleidung und Mobilität. Armut bedeutet Einschränkung der gesellschaftlichen Teilhabe schlechthin. Mehr als die Hälfte einer Gesellschaft, die sich mehr und mehr in kleine und in sich durchaus potente Interessengruppen aufsplittert, droht abgehängt zu werden.

Das Referat wurde gehalten während des Treffens der Mitglieder des Diakonie Forums am 29. Oktober 2019 im Kulturhaus Helferei in Zürich. Den Rahmen bildet die Konferenz der Arbeitsgemeinschaft europäischer Stadtmissionen AGES 2019 in Heidelberg. Der vorliegende Text ist ein leicht gekürzter Ausschnitt des Referates.

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