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Wohlfahrtsmessung: Frau und Herr Schweizer fühlen sich wohl

Das Bundesamt für Statistik aktualisiert die eigene Untersuchung der Schweizer Wohlfahrtsmessung. Demnach steht es gut um die Schweizerinnen und Schweizer. Daraus einen Glücksindex abzuleiten, wäre aber falsch.

Von der “staatlichen Vermessung des Glücks” wurde geschrieben, als sich das Bundesamt für Statistik BFS Ende 2014 anschickte, den Stand der Wohlfahrt in der Schweiz zu definieren. Bis anhin wurde dafür stets und praktisch konkurrenzlos das Bruttoinlandsprodukt bemüht. Doch seit der Finanzkrise stand dies unter Dauerbeschuss. Zu simpel, zu strikt, zu marktorientiert.

Als Antwort darauf veröffentlicht die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD seit 2011 einen Bericht unter dem Titel “How’s life?”, in dem sie unterschiedlichste Faktoren für die wirtschaftliche Entwicklung untersucht. Ende 2014 dann präsentierte das Schweizer BFS das “Indikatorensystem Wohlfahrtsmessung”. Vor wenigen Wochen wurde nun eine Neuauflage dieser Glücksvermessung vorgelegt.

Wohlfahrtsmessung: Frau Schweizerin und Herr Schweizer fühlen sich wohl

Die subjektive Zufriedenheit gewinnt in der Wohlfahrtsmessung immer mehr an Bedeutung.

Aber eben diesen Glücksindex will die Studie nicht definieren. Beziehungsweise sie kann nicht. Die Wohlfahrtsmessung sei zu vielschichtig, um sich derart vereinfachen zu lassen, heisst es. Die Frage, wie es der Bevölkerung eines Landes geht, ist von zentraler politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Bedeutung, hält das Bundesamt fest.

Wohlfahrt und Lebensqualität gehören zu den wichtigsten Zielen von modernen Gesellschaften, so BFS-Direktor Georges-Simon Ulrich. Häufig reichten jedoch monetäre Messgrössen nicht aus, um die Situation einer Bevölkerung angemessen abzubilden: “Immaterielle Aspekte wie Bildung, Gesundheit und soziale Kontakte sowie die subjektive Zufriedenheit gewinnen immer mehr an Bedeutung.”

Das Konzept Wohlfahrt

Wohlfahrt bedeutet, dass die Bevölkerung über genügend Ressourcen verfügt, damit sie ihre Bedürfnisse decken, ihr Leben selbständig gestalten, ihre Fähigkeiten einsetzen und entwickeln sowie ihre Ziele verfolgen kann. Wohlfahrt könnte also auch mit Lebensqualität beschrieben werden.

Einkommen, Vermögen, Wohnen, Arbeit: alle diese Bereiche finden Eingang in die Wohlfahrtsmessung. Genauso wie Bildung, Gesundheit, das soziale Netz und Umweltaspekte. Schliesslich spielt nicht nur die objektive Lebenssituation eine Rolle, sondern auch ihre subjektive Einschätzung: wie die persönliche Wohn- und Umweltsituation bewertet wird, wie sicher sich die und der Einzelne fühlt und wie zufrieden sie und er ist mit der Arbeitssituation und dem Leben im Allgemeinen.

Damit Wohlfahrt erhalten bleibt, dürfen ihre Grundlagen nicht beeinträchtigt werden, gibt das BFS zu bedenken. Die demographische Alterung sei hier eine Herausforderung. Das Sozial- und Gesundheitswesen sehen sich veränderten Bedürfnissen gegenüber. Weitere Herausforderungen bilden der Umgang mit natürlichen Ressourcen, die Emissionen, der Klimawandel.

Das Indikatorensystem Wohlfahrtsmessung besteht aus sieben Hauptthemen und rund vierzig Indikatoren. Schon das “kommentierte Grundschema” lässt erahnen, dass eine Unmenge von Daten verarbeitet und in komplexe Zusammenhänge gestellt wurden. Die über einhundert Seiten starke Broschüre enthält dabei sozusagen nur eine Zusammenfassung mit einer Vielzahl an Verweisen auf die Internetseite des BFS.

Wohlfahrtsmessung: So geht es der Schweiz

Aus der grossen Menge der Daten lassen sich jedoch einige Resultate nennen, die darauf hinweisen, wie es um die Wohlfahrt in der Schweiz steht.

Materielle Situation: Die Verteilung des Einkommens hat sich im Beobachtungszeitraum von 1998 bis 2014 kaum verändert. Die Armutsquote ist hingegen gesunken und hat 2015 einen Wert von sieben Prozent erreicht. Besonders von Armut betroffen sind alleinerziehende Eltern mit minderjährigen Kindern, Personen mit niedriger Ausbildung, alleinlebende Erwachsene und Personen in Haushalten ohne Erwerbstätige.

Arbeit und Freizeit: Die Erwerbsquote lag 2016 bei fast 84 Prozent, was gesamteuropäisch einen hohen Wert darstellt. Und sie nimmt weiter zu, weil mehr Frauen am Arbeitsmarkt teilnehmen. Die Erwerbslosenquote lag im zweiten Quartal 2017 bei 4,4%. Überdurchschnittlich häufig erwerbslos sind Personen mit niedrigem Bildungsstand, Jugendliche sowie Ausländerinnen und Ausländer. Für Haus- und Familienarbeit investieren Frauen im Schnitt 10 Stunden mehr – pro Woche.

Wohlfahrtsmessung: Frau Schweizerin und Herr Schweizer fühlen sich wohl

Bildung: Der Bildungsstand steigt. Immer weniger Menschen haben keinen Berufsabschluss, immer mehr hingegen studieren. Die Geschlechtsunterschiede werden immer kleiner. So gibt es bei den 25- bis 34-Jährigen kaum mehr Unterschiede.

Gesundheit: Die Schweiz hat eine der höchsten Lebenserwartungen der Welt. So werden die Schweizer 81,5 Jahre alt, die Schweizerinnen sogar 85,3 Jahre. Und: Fünf von sechs Menschen hierzulande bezeichnen ihren Gesundheitszustand als gut oder sehr gut. Je jünger und je höher Ausbildung und Einkommen, desto positiver die Selbsteinschätzung.

Soziales Netzwerk: 660 Millionen Stunden wurden 2016 für Freiwilligenarbeit aufgewendet. Über 40 Prozent der Bevölkerung beteiligen sich. Männer eher in Vereinen und Organisationen, Frauen eher in der Nachbarschaftshilfe, Betreuung und Pflege.

Umweltqualität: Die Treibhausgasemissionen der Schweiz gemäss Kyoto-Protokoll haben zwischen 1990 und 2015 um über 10 Prozent abgenommen. Gleichzeitig betrachten 80 Prozent der Bevölkerung den Klimawandel als gefährlich.

Subjektives Wohlbefinden: Auf einer Skala von 0 bis 10 erreicht die Lebenszufriedenheit in der Schweiz einen Wert von 8. Am wenigsten zufrieden sind alleinlebende Personen unter 65 Jahren. Und: 80 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer fühlen sich psychisch gesund.

Fazit

Das Indikatorensystem Wohlfahrtsmessung bietet eine umfassende Untersuchung der Schweizer Lebensqualität. Die Studie geht weit über die rein ökonomischen Faktoren hinaus und bildet materielle wie immaterielle Bereiche ab. Dabei besteht hier durchaus der Anspruch auf Vollständigkeit. Das wiederum macht besonders den Materialteil im Internet wertvoll für tiefergehende Einzeluntersuchungen. Ganz spezifischen Fragestellungen zum Beispiel von Sozialträgern lässt sich so – statistisch – auf den Grund gehen.

Daraus ein politisches Programm auf dem Weg zum Glückskoeffizienten verfassen zu wollen, wäre jedoch ein Fehler. Die Statistik selbst lügt nie, so gibt es auch BFS-Direktor Ulrich zu bedenken, man kann die Zahlen aber falsch interpretieren oder verzerrt darstellen.

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