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“Wir sollten uns von fixen Vorstellungen und Bildern lösen, was den Sterbeprozess angeht”

Der Theologe Prof. Dr. Markus Zimmermann von der Universität Freiburg präsidierte die Leitungsgruppe des Nationalforschungsprogramms NFP 67 zum Thema Lebensende. Im Interview mit diakonie.ch erläutert er zentrale Forschungsergebnisse zum Thema Spiritualität, Sedierung, Palliative Care und das Verhältnis der Schweizer Bevölkerung zu Heimen und Spitälern.

Herr Professor Zimmermann, welches sind Ihrer Meinung nach die zentralen Ergebnisse des Nationalen Forschungsprogramms zum Lebensende?

Da im Synthesebericht die Ergebnisse von insgesamt 33 Einzelstudien dargestellt werden, kann ich das so leicht nicht beantworten. Der Bericht liefert elf Impulse, die uns wichtig erscheinen. Es gibt in den einzelnen Forschungsbereichen sehr viele interessante Ergebnisse, die neue Fragen aufwerfen, etwa warum Kinder späte Schwangerschaftsabbrüche zunächst überleben oder warum in der Schweiz heute viel mehr Menschen als früher sediert sterben.

Gemäss Ihrer Studie stirbt jede sechste Person sediert. Wissen Sie, warum?

Im Moment können wir noch nichts über die Gründe und Umstände zur Sedierung sagen. Ausstehend sind die Ergebnisse einer Zusatzstudie zu dieser Frage, deren Ergebnisse aber noch nicht publiziert sind. Eine Hypothese – ich betone, eine Vermutung – ist, dass Sterbende manchmal auch sediert werden, um die Angehörigen zu beruhigen. Es gibt Atemphänomene im Sterben, etwa die Schnappatmung, die für die Umstehenden sehr bedrohlich wirken können, wenn sie nicht darauf vorbereitet wurden. Verpassen es Ärztinnen oder Pflegende, die Angehörigen angemessen vorzubereiten, können diese in Panik geraten und nach Massnahmen wie einer Sedierung des Sterbenden verlangen. Entscheidend ist, dass diese Schnappatmung für die Betroffenen weder mit Schmerzen noch mit Atemnot verbunden ist.

Welches ist die grösste Herausforderung der Gesellschaft im Umgang mit dem Sterben?

Aufgrund der Forschungsergebnisse scheint mir der Umgang mit dem Sterben einseitig technisch ausgerichtet zu sein. Wir leisten technisch unerhört vieles bezüglich Lebenserhaltung und Linderung von Symptomen. In dieser Lebensphase stellen sich aber auch seelische, soziale und spirituelle Fragen.

"Wir sollten uns von fixen Vorstellungen und Bildern lösen, was den Sterbeprozess angeht"

Prof. Dr. Markus Zimmermann. Bild: Universität Fribourg.

In der Palliative Care werden diese Faktoren berücksichtigt, oder?

Ja, nur ist diese nicht überall verankert und gewährleistet. 80 Prozent der Versorgung in Pflegeheimen geschieht zwar im Sinne eines palliativen Ansatzes. Auch im Bereich der Behandlung von Krebserkranken, wo sie entstanden ist, wird die Palliative Care verbreitet praktiziert. Doch für Menschen mit anderen terminalen Erkrankungen ist sie in der Schweiz weniger zugänglich. Insbesondere die Koordination zwischen Hausärzten, Spitälern und Heimen funktioniert noch nicht an allen Orten zufriedenstellend. Muss jemand vom Spital ins Heim oder umgekehrt oder möchte jemand zuhause gepflegt werden, ist die Palliative Care heute nur bedingt gewährleistet. Auffällig ist, dass die Schweiz hinsichtlich der technischen Medizin an der Spitze rangiert, punkto Palliative Care aber im Mittelfeld.

Palliative Care

Unter Palliative Care wird eine ganzheitliche Behandlung und Beratung schwerkranker Menschen verstanden. Wichtige Grundhaltungen bestehen in der Anerkennung der Endlichkeit des Lebens, den Grenzen der Machbarkeit und der Achtung der Würde von schwer Leidenden und Sterbenden. Praktisch konzentriert sie sich auf die Linderung von Schmerzen und Symptomen und berücksichtigt neben körperlichen Leiden auch soziale, psychische und spirituelle Bedürfnisse. Ziel ist die Erhaltung einer möglichst hohen Lebensqualität trotz Krankheit. In der Palliative Care ist eine gute Zusammenarbeit von Angehörigen, Pflegenden, Ärzten und anderen Unterstützenden besonders wichtig, da sie individuell auf den Patienten abgestimmt wird.
Weil sie personalintensiv ist?

Ich glaube nicht, dass dies das zentrale Problem darstellt; die Intensivmedizin zum Beispiel ist weitaus personalintensiver und funktioniert bestens. Ein Problem besteht sicherlich darin, dass die angesprochenen Grundhaltungen heute nicht sehr attraktiv sind, insbesondere die Anerkennung unserer Endlichkeit und der Grenzen der Machbarkeit. Der Stellenwert der Palliative Care ist heute noch nicht vergleichbar mit anderen medizinischen Ausrichtungen. So werden die wenigen bestehenden Lehrstühle für Palliative Care grösstenteils von Stiftungen, Subventionen oder von den Kirchen finanziert und nicht durch die Steuerzahler wie etwa Lehrstühle für die Onkologie.

Im Synthesebericht steht, dass 80 Prozent der Menschen in Heimen oder Spitälern sterben. Was bedeutet das?

Spektakulär finde ich, was die Berner Forschergruppe bezüglich des sozioökonomischen Status’ der Menschen in Institutionen herausgefunden hat: Die soziale und die finanzielle Situation der Sterbenden hat offenbar keinen Einfluss auf deren Versorgung. Das ist sehr zu begrüssen.

Und sonst?

Eine andere Forschungsgruppe weist nach, dass Männer, Personen mit Eigenheim und Kindern sowie Verheiratete eher zuhause sterben. Die Gruppe bewertet dies nicht.

"Wir sollten uns von fixen Vorstellungen und Bildern lösen, was den Sterbeprozess angeht"
Haben Sie eine Erklärung dafür? Warum sterben beispielsweise in Oregon (USA) 60 bis 70 Prozent der Menschen zuhause und bei uns 80 Prozent in Institutionen?

Die meisten Menschen, die sterben, sind vorher krank. In unserem Verständnis gehen Kranke ins Spital. Meist bleiben nur jene Kranken zuhause, die jemanden in der Familie haben, der sie pflegt. Bei uns gibt es keine mobilen Teams bestehend aus Medizinerinnen, Pflegenden, seelisch oder organisatorisch Betreuenden, die einen zuhause betreuen.

Warum gibt es bei uns kaum Sterbehospize wie zum Beispiel in Deutschland?

Es gibt dazu keine Untersuchungen. Eine naheliegende Hypothese ist, dass die Menschen in der Schweiz kein Bedürfnis haben nach Sterbehospizen.  Die Erfahrungen, die die Menschen hierzulande in den Spitälern und Heimen machen, scheinen überwiegend positiv zu sein.

Also ein positives Zeichen. Im Synthesebericht wird auf einiges hingewiesen, das nicht optimal läuft. So fühlten sich die Ärzte  zum Beispiel oftmals überfordert mit Sterbesituationen.

Hausärztinnen und Hausärzte fühlen sich am Limit bei psychosozialen und spirituellen Anliegen und wenn es um das Bedürfnis nach Suizid geht. Insgesamt haben sie sehr viel Erfahrung mit Sterbenden, werden aber selten einbezogen von Spitalärzten.

Dann würden Hausärzte von mobilen Teams ebenso profitieren wie die Patienten?

Mobile Teams kämen zum Zug, wenn es an Know-how und an Geräten fehlte bei der Pflege zu hause. Bei akuter Atemnot müssen die Patienten zum Beispiel der Geräte wegen auf die Intensivstation oder es müsste bei ihnen zuhause etwas Entsprechendes aufgebaut werden. Dann hätten sie aber eine Art Intensivstation im Wohnzimmer.

Eine Studie aus Deutschland zeigt, dass dies nicht ohne Folgen bleibt für die Hausbewohnerinnen und -bewohner. So bleibt der Geruch zum Beispiel bis zu zwei Jahren danach in der Wohnung hängen.

Oder es gehen Expertinnen und Experten für die Maschinen im privaten Raum ein und aus. Dazu muss ich aber sagen, dass ich persönlich lieber im Spital sterben würde und deshalb die Beispiele erwähne, die mich in meiner Haltung bestärken.

Für die Angehörigen kann es also auch räumlich eine Belastung sein, wenn jemand zuhause sterben möchte.

Ja. Das wird wenig thematisiert.

Was hilft den Hausärzten bezüglich ihrer Überforderung punkto spiritueller Anliegen?

Weiterbildung. Auch ein Arzt soll auf spirituelle Nöte eingehen können.

Weshalb? Es gibt doch viele spirituelle Begleiterinnen und Seelsorger.

Ein Folgeprojekt des Nationalforschungsprogramms in Lausanne zeigt, dass es für Ärzte und Angehörige nicht einfach ist, das passende Angebot für die sterbende Person zu eruieren. Zudem braucht es für spirituelle Fragen am Lebensende keine Experten. Hausärztinnen und Pfleger könnten diese Aufgabe gut übernehmen.

Im Synthesebericht heisst es, dass alternative Religiosität zunimmt und sich die spirituellen Bedürfnisse der Sterbenden verändern. Eine Frage aus der Perspektive der Kirche: Könnte sie ihre Seelsorgenden so weiterbilden lassen, dass sie weitere spirituelle Bedürfnisse abdecken als die traditionell christlichen?

Aufgrund eines Projektes weiss ich, dass es spirituelle Bedürfnisse gibt, die nicht abgedeckt sind durch die traditionelle Seelsorge.

Zum Beispiel?

Das reicht von Meditationspraktiken über anthroposophische Vorstellungen bis hin zum spezifischen Einsatz von Musik oder Riten. Ein riesiges Spektrum, für das es nicht eine Expertise gibt. Institutionen wie Spitäler oder Heime könnten die Aufgabe angehen, indem sie Menschen mit verschiedenen Expertisen aufnehmen oder indem sie Raum schaffen für einen Markt mit Menschen unterschiedlicher spiritueller Ansätze. Ich persönlich finde eine Mischung von beidem gut. Wir brauchen Seelsorgende mit christlichem Hintergrund, aber auch solche mit anderen Zugängen zu Spiritualität. Die Frage ist dann, wer das bezahlt.

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Gibt es sonst Forschungserkenntnisse bezüglich Spiritualität am Lebensende?

Ja, eine Studie hat die Bedeutung von Visionen und Träumen von Sterbenden untersucht. Die werden nicht selten als Delirium abgetan und mit Sedierung behandelt, statt dass sie ernst genommen werden. Im Projekt hat sich aber gezeigt, dass es sich dabei um wichtige Ressourcen eines Sterbenden handeln kann. Experten für Träume und Visionen sind die Sterbenden selbst. Sie brauchen niemanden für deren Deutung. Der zuständige Professor, ein Theologe, sagt, was Sterbende bräuchten, sei Offenheit und nicht Expertise. Das zeigt, dass es nicht um kirchliche Tradition geht in Gesprächen am Lebensende, sondern um das, was geschieht im Sterbenden. Deshalb sollten Seelsorgende nicht gebunden sein an etwas Bestimmtes. In einem Sterbenden tauchen die Bilder auf, die auftauchen wollen. Wir sollten uns alle von fixen Vorstellungen und Bildern lösen, was den Sterbeprozess angeht. Ich finde das sehr schön: Wenn das Sterben konkret wird, gibt es eine grosse Offenheit.

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