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Was macht die Lohnschere mit der Schweizer Gesellschaft?

Steigende Managerlöhne, aber kaum mehr Geld für tiefe Einkommen – so lautet das Fazit einer Erhebung des Arbeitnehmerverbandes Travail.Suisse. Der Bund kommt in seiner Untersuchung zu ganz anderen Ergebnissen. So oder so – was machen grosse Lohnunterschiede mit einer Gesellschaft?

Unten wird geknausert – oben gekleckert. So überschreibt Travail.Suisse seine Mitteilung zur aktuellen Ausgabe seiner Untersuchung der Entwicklung von Managerlöhnen. Die Chefs gewähren sich satte Lohnerhöhungen, während bei den tiefen Einkommen Lohndruck, Unsicherheit und Angst um den Arbeitsplatz zunehmen, so der Arbeitnehmerverband.

Während sich die CEO-Entschädigungen auf dem Niveau des Vorjahres bewegten, legten die übrigen Mitglieder der Konzernleitungen durchschnittlich um 7 Prozent zu, so Travail.Suisse. Seit 2011 haben demnach die Cheflöhne um 19 Prozent zugenommen, diejenigen normaler Arbeitnehmender nur um 4,3 Prozent. In den letzten beiden Jahren hätten letztere teuerungsbedingt sogar Reallohnverluste hinnehmen müssen.

Lag die durchschnittliche Lohnschere in den Unternehmen 2011 noch bei 1:45, habe sich diese bis 2018 auf 1:51 geöffnet. Demnach verdiente UBS-Chef Sergio Ermotti 2017 an der Spitze der Rangliste 273 Mal so viel wie die Angestellten mit den tiefsten Gehalten. Diese Entwicklung sei nicht nur von den grössten Unternehmen der Finanz- und Pharmabranche geprägt, sondern ziehe sich quer durch alle Branchen. Die Zahlen sind Ergebnisse der fünfzehnten Untersuchung der höchsten und tiefsten Löhne in 26 Schweizer Unternehmen durch den Arbeitnehmendenverband. Dieser bemangelt dabei mangelnde Transparenz der Unternehmen bei Tiefstlöhnen, so seien unter anderem ABB, Nestlé, Swatch oder Zurich nicht bereit gewesen, Angaben hierzu zu machen.

Die hohen Spitzenlöhne rufen in der Bevölkerung grossen Ärger hervor, so Gabriel Fischer von Tavail.Suisse gegenüber der Tagesschau. Sie seien deshalb eine relevante Vergleichsgrösse. Der Bund jedoch kommt zu einem anderen Schluss. In seiner Lohnstrukturerhebung vergleicht er nicht die Extreme, sondern den Durchschnitt. Im dortigen Vergleich der obersten und untersten 10 Prozent der Lohnskala zeigt sich, dass die Lohnschere zwischen 2008 und 2016 leicht zugegangen ist. Zudem sind in diesem Zeitraum die tiefsten Löhne stark gestiegen und die allgemeine Lohnpyramide blieb relativ stabil.
Gegenüber der Tagesschau verweist Fischer jedoch auf den Vergleichszeitraum. 2008 sei der Höhepunkt der Hochkonjunktur erreicht gewesen, danach habe es mit der Finanzkrise einen gewissen Boni-Crash gegeben.

«Die Lohnunterschiede verringern sich weiter». So lautet die Interpretation der Lohnstrukturerhebung durch den Schweizer Arbeitgeberverband. Der Medianlohn einer Vollzeitstelle sei zwischen 2014 und 2016 um bemerkenswerte 1,2 Prozent gestiegen. Die Lohnschere habe sich verringert, und der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern habe weiter abgenommen. Die Arbeitgeber liessen ihre Mitarbeitenden über alle Lohnklassen hinweg angemessen am Unternehmenserfolg teilhaben, freut sich der Arbeitgeberverband.

Wie immer bieten Statistiken also auch hier ein weites Feld für Interpretationen. Zahlen lassen sich je nach Betrachtungsweise und Kontextualisierung zumeist auf ganz unterschiedliche Arten lesen. Tatsache jedoch bleibt, dass es grosse Lohnunterschiede gibt.

Was macht es mit einer Gesellschaft, wenn es zwischen dem tiefsten und dem höchsten Lohn einen grossen Unterschied gibt? Katja Rost von der Universität Zürich nimmt dazu im SRF-Interview Stellung. Wenn etwas als ungerecht wahrgenommen werde, führe dies zu weniger Zusammenhalt in der Gesellschaft, so die Soziologin. Die Menschen würden unzufriedener, auch das politische Klima sei dann durch Unzufriedenheit gekennzeichnet. Als ungerecht werde im vorliegenden Fall empfunden, dass die Kriterien für die hohen Lohnunterschiede nicht nachvollziehbar seien. Löhne würden in Stundenlöhne umgerechnet und die Frage komme auf, wie jemand so viel mehr leisten könne – auch, wenn die Arbeit zum Beispiel körperlich nicht anstrengend sei.

Die Schweizer Gesellschaft habe jedoch im Vergleich zu anderen Ländern nur eine geringe Lohnschere, meint Rost. Das Steuersystem sei hier progressiver, zudem kenne man in der Schweiz praktisch keine Dumping-Löhne wie anderswo.

Und: Die öffentliche Debatte rund um die Managerlöhne hat laut Katja Rost dazu geführt, dass sie noch weiter ansteigen konnten. Mit der Transparenz stiegen die Managerlöhne demnach stärker; wer plötzlich sah, was ein anderer Manager verdiente, wollte nicht darunter stehen.

Also mehr Gleichheit als Lösung? Nein, meint die Soziologin. Es komme auf die Balance zwischen Gleichheit und Ungleichheit an. Bei zu viel Gleichheit werde rasch das Leistungsprinzip hinterfragt. Es könne nicht sein, dass alle das Gleiche bekommen, während der Grossteil einer solchen Gesellschaft nichts leiste oder keine Motivation habe, etwas zu leisten. Das führe zu einer viel grösseren Unzufriedenheit.

Die heute praktizierten Spitzenlöhne sind mit Leistungsgerechtigkeit nicht zu begründen, formulierte der Evangelische Kirchenbund vor einigen Jahren zum Thema. Auch der Grundsatz der Bedarfsgerechtigkeit leide, hiess es in der Position. Auch wenn Spitzenlöhne bei der gesamten Lohnmasse wenig ins Gewicht fielen, förderten sie die beunruhigende Tendenz, dass die Gleichgültigkeit gegenüber Schwächeren zunehme. Schliesslich werde der gesellschaftliche Zusammenhalt gefährdet, wenn exzessive Spitzenlöhne von vielen Menschen als unerträgliche Provokation empfunden würden. Die 2013 vom Schweizer Volk angenommene Abzocker-Initiative scheint dabei nicht recht Wirkung zu zeigen. Sie konnte den stetig steigenden Löhnen im oberen Management nichts anhaben.

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