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Von der Revolution im Care-System

Der Mensch emanzipiert sich vom Betreuungssystem, prognostiziert das Gottlieb Duttweiler Institut in einer aktuellen Untersuchung. Das werde die Care-Branchen revolutionieren. Ob diese Revolution nicht schon längst eingesetzt hat und wer tatsächlich vom Wandel profitiert, fragen andere. Betrachtungen zu einer Studie.

Für den Sänger Udo Jürgens fing das Leben bekanntlich mit 66 Jahren an. Das war 1977, also vor über vierzig Jahren. Heute müsste diese Liedzeile wahrscheinlich auf 76 korrigiert werden. So stieg die Lebenserwartung seit 1981 bei Männern von 72 auf 82 Jahren, die von Frauen von 79 auf 85.

Gleichzeitig verschiebt sich die Bevölkerungsstruktur; immer mehr alten Menschen stehen immer weniger junge gegenüber. Bildeten am Anfang des letzten Jahrhunderts die Neugeborenen die grösste Gruppe, sind es heute die 50-Jährigen. Der Anteil der Frauen und Männer unter 30 Jahren liegt heute nur bei knapp einem Drittel.

Da im Schweizer System sowohl Alter als auch Pflege durch die jüngeren Generationen finanziert werden, kommen sowohl finanzielle als auch personelle Herausforderungen auf die Schweizer Langzeitpflege zu, stellt das Gottlieb Duttweiler Institut GDI deshalb in der vom Arbeitgeberverband senesuisse in Auftrag gegebenen Studie „Take Care“ fest. Die Kosten stiegen auch in optimistischen Szenarien bis 2045 von sechs auf siebzehn Milliarden Franken.

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On-Demand-Betreuung

Ein Element des demografischen Wandels der kommenden Jahrzehnte jedoch werde bislang in keinem Bericht genannt, so das GDI: „Die Pflegebedürftigen von gestern hatten andere Einstellungen, Erfahrungen, Ansprüche und Vorlieben als die von heute.“ Aus dem willfährigen Einordnen in vorhandene Angebote werde ein bewusstes Auswählen. Die Pflegebedürftigen von morgen nehmen sich die Pflege, die sie brauchen. So wie 1890 unter anderem mit Otto von Bismarck die Angebotsorientierung ein gesellschaftlicher Fortschritt war, so ist dies laut GDI 2030 die Nachfrageorientierung. Der „Pull-Economy“ im Sog der Individualisierung entspricht demnach die „On-Demand-Betreuung“ in der Pflege. Diese wird dann „nicht so sehr von der Institution gegeben, als vielmehr vom Individuum genommen“.

Was bedeutet das für die bisherigen Strukturen? Im Zweifelsfall ihr ersatzloses Verschwinden, so das Forscherteam. Wenn zum Beispiel eine Aufgabe, die bislang kollektiv von der Gesellschaft übernommen wurde, nun vom Smartphone oder der Datencloud geleistet wird, „entsteht niemandem ein Schaden, wenn die bisherige Institution wegfällt“, so das GDI. Bis auf die, deren ökonomische Existenz davon abhängt, wird ergänzt.

Weiterentwicklung beinhalte jedoch immer auch nicht planbare Elemente. Auch im Care-Sektor könne es zu einem „disruptiven Wechselspiel mit vielen, unkalkulierbaren Zwischenstationen“ kommen, so das GDI. Trotzdem: Wenn die Bedürfnisse und Vorstellungen der und des Einzelnen zum Massstab werden, dann werden die bestehenden, vorwiegend angebotsorientierten Care-Systeme entsprechend umgestaltet, betont die Studie.

Vom Status Quo Plus bis zur Care-Convenience

Wie die Zukunft aussehen könnte, wird in vier Entwicklungsrichtungen des Care-Systems beschrieben, die sich zwischen einem erweiterten „Status Quo Plus“ und einer individuellen, plattformgetriebenen „Care-Convenience“ bewegen. Die darin entwickelten Szenarien beinhalten den Realtime-Zugang zu körpereigenen Daten, Maschinen, die materielle Leistungen erbringen, Pflege-Plattformen à la Uber oder Before-Demand-Lösungen über komplexe digitale Diagnose-Systeme.

Das bisherige Geschäftsmodell von Betreuungsdienstleistern wird so oder so in Frage gestellt, resümiert das GDI. Daraus ergebe sich ein ökonomischer Druck, „Überbau und Verwaltung zu reduzieren und die Ressourcen auf die direkte Leistungserbringung zu fokussieren“. Am Strukturwandel profitiere hingegen, wer sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert.

Der zu erwartende Reflex, sich dem Wandel entgegenzustellen, dürfte zudem „schnell unpopulär werden“, liege dieser doch den Interessen vieler Bürger näher als ein Festhalten an tradierten Strukturen. „Der Mensch emanzipiert sich vom Betreuungssytem. Das wird die Care-Branchen revolutionieren“ ist entsprechen Fazit wie Untertitel der Studie des GDI.

Take care or take money?

Kritisch sieht dies Beat Ringger, Geschäftsleitender Sekretär des Thinktanks Denknetz. „Take care or take money“ titelt er seine „zornige Replik“ an die Studie, die realitätsblind und interessengesteuert ausgefallen sei. So gehe das GDI davon aus, dass die Pflegebedürftigen in der Regel mündig und emanzipiert seien. Demente Menschen oder solche mit psychischen Belastungen würden damit ignoriert. Auch vom in der Literatur breit diskutierten Marktversagen in der Gesundheitsversorgung habe das GDI keine Kenntnis genommen.

Das zweite grosse Manko der Studie sei das fast vollständige Ausblenden von Wohlstandsunterschieden. Nie werde gefragt, ob sich die Betroffenen die erforderlichen Dienste in der nötigen Qualität überhaupt leisten könnten. Oder ob der geforderte Rückzug des Staates dem Graumarkt von Care-Migrantinnen massiven Schub verleihen würde – „neu-feudale Arbeitsbedingungen inklusive“. Die Studie bewege sich damit in einer „elitären und marktradikalen Blase“, so Ringger.

Der Studie sei zugute zu halten, dass sie das Szenario der Care-Society überhaupt in Betracht ziehe, wenn sie auch innerhalb der Studie „merkwürdig isoliert“ bliebe. Gerade mit diesem Szenario sei jedoch die Option einer humanen Zukunft verbunden, in der die Menschen nicht dem disruptiven Marktradikalismus geopfert würden.

Die Zukunftszenarien sind längst Realität

„Die Nachfrageorientierung hat längst eingesetzt“, ergänzt Simon Hofstetter, Stabsleiter der Diakonie Schweiz und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Diakoniewissenschaft der Universität Bern. Die Care-Institutionen befänden sich seit Jahren in der Umstrukturierung: „Die scharfe Dualität der GDI-Studie besteht in der Praxis so nicht mehr“. Auch die technologische Entwicklung sei schon Realität, wo das GDI noch Zukunftsszenarien beschreibe.

Was Pflegeleistungen heute und künftig nicht ausreichend bieten könnten, sei die Gabe von Zeit, betont Hofstetter. Menschen suchten ein Mehr an Zuwendung über die zeitlich klar begrenzten Pflegeleistungen hinaus.

Diakonie und andere zivilgesellschaftliche Akteure entdeckten den Wert, Zeit zu „schenken“. Initiativen wie Sorgennetze, Quartiervereine oder Caring Communities, die darauf abzielten, betreuungsbedürftigen Menschen Zeit und Zuwendung zu bieten, hätten aktuell einigen Aufschwung.

Für kirchliche Diakonie sei dies als Chance zu werten, betont Hofstetter. Diakonie geschehe hierzulande lokal und nahräumlich. Sie könne ihre Ressourcen gewinnbringend einsetzen, damit solche lokalen Unterstützungsnetzwerke entstehen.

Was Pflegeleistungen heute und künftig nicht ausreichend bieten können, ist die Gabe von Zeit. Menschen suchen ein Mehr an Zuwendung über die zeitlich klar begrenzten Pflegeleistungen hinaus.

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