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Studie: Entwicklung der Medienlandschaft läuft schlecht für ausgewogene Meinungsbildung

Ein anhaltender Abfluss von Meinungsmacht aus der Schweizer Medienlandschaft weg von publizistischen Massenmedien hin zu sozialen Kommunikationskanälen, die sich tradierten politischen Prozessen stärker entziehen, wäre einer ausgewogenen Meinungsbildung der Bevölkerung kaum förderlich, so der aktuelle Medienmonitor.

Das Schweizer Mediensystem garantiert die Voraussetzungen für eine ausgewogene Meinungsbildung in der Schweizer Bevölkerung. Allerdings ist die Medienlandschaft im Jahresvergleich von zunehmenden Abwanderungstendenzen und einem Aufschwung von Social Media sowie vom Konzern-Duopol von SRG SSR und TX Group (früher Tamedia) geprägt.

So der aktuelle dritte Medienmonitor des Bundes, der die Leistungen der Medien für die Meinungsbildung untersucht und die Kräfteverhältnisse und unternehmerischen Verflechtungen dokumentiert. Die Entwicklung der Medienlandschaft ist für die ausgewogene Meinungsbildung nicht begrüssenswert, lautet ein Fazit der Studie.

Staaten fördern die institutionelle Medienvielfalt, um damit inhaltliche Diversität zu fördern und Meinungsvielfalt abzusichern, so das Bundesamt für Kommunikation, Auftraggeber der Studie. In der Schweiz, wo Mehrsprachigkeit, Kleinräumigkeit und föderale Struktur zu einer stark segmentierten Medienlandschaft geführt hätten, setze die Medienförderung im Rundfunkbereich an, insbesondere bei den mehrheitlich gebührenfinanzierten SRG SSR sowie einigen privaten Veranstaltern von lokal-regionalen Radio- und TV-Programmen. Auch wenn sich das System bewährt habe, werde es immer wieder in Frage gestellt.

Wie schon in den Vorjahren zeige die aktuelle Erhebung eine vielfältige Schweizer Medienlandschaft, die ihre gesellschaftliche Funktion zur Meinungsvielfaltssicherung weitgehend erfülle, so die Studie. Dies trotz schwieriger Marktbedingungen und Verschiebungen im Nutzungsverhalten des Publikums. Auch wenn die Auswahl an Informationsmedien für die Deutschschweiz klar grösser sei als für die Romandie und das Tessin, stünden in allen Gebieten genügend Alternativen zur Verfügung, um Informationsbedürfnisse bei unterschiedlichen Quellen zu decken.

Auch 2019 gebe es keine Hinweise auf eine akute Gefährdung der freien Meinungsbildung, indem einzelne Medienmarken oder Konzerne in der Lage wären, die nationale, sprachregionale oder lokal-regionale Meinungsbildung über Gebühr zu prägen. Vielmehr stünden die stärksten Medienmarken insbesondere in der Deutschschweiz und dem Tessin unter Druck. Demnach verlieren sie im Vergleich zum Vorjahr teilweise deutlich an Einfluss auf die Meinungsbildung.

Am wenigsten Gefahr besteht laut Bericht auf nationaler Ebene, da Schweizer Medienmarken in der Regel auf einen Sprachmarkt oder eine noch kleinere Region ausgerichtet seien. So habe sich kein Angebot eine landesweite Vormachtstellung als dominierendes Mehrheitsmedium verschafft.

Über die ganze Schweiz gesehen firmiert gemäss Mitteilung erneut 20 Minuten trotz leichter Einbusse als grösste Meinungsmacht. In den Sprachregionen hält die SRG SSR ihre stärkste Position. Allerdings werde die relative Position der öffentlichen Veranstalterin durch einen leichten Rückgang ihrer Hauptmarken geschwächt.

Viele traditionelle Marken profitieren laut Bericht erneut vom Erstarken von Online. Dazu gehören die SRG SSR mit srf.ch, rts.ch und rsi.ch sowie viele traditionelle Print-Marken wie die NZZ, der Tages-Anzeiger oder Le Nouvelliste, die ihr gutes Abschneiden meist den Online-Kanälen verdankten.

Private Medienanbieter erreichten mit Ausnahme von 20 Minuten nur wenige absolute Spitzenpositionen, so der Bericht. Die Pendlerzeitung liegt in Zürich/See, Basel, Bern und St.Gallen vorne, in den anderen Medienräumen sind dies die ersten TV-Programme der SRG SSR. Je nach Raum verschaffen sich laut Bericht zusätzlich zwei bis fünf regionale Medien eine starke Position und tragen so zur Meinungsvielfalt bei. Die ausländischen TV-Programme verlieren laut Mitteilung weiter an Boden.

Der Aufschwung der sozialen Medien erkläre zumindest teilweise den Rückgang der kumulierten Meinungsmacht der untersuchten Medienmarken. Soziale Medien beanspruchten eine massgebliche und zunehmende Stellung in der Schweizer Medienlandschaft und prägten vermehrt auch die Meinungsbildung in der Bevölkerung.

Ein anhaltender Abfluss von Meinungsmacht aus der Schweizer Medienlandschaft weg von publizistischen Massenmedien hin zu sozialen und interpersonalen Kommunikationskanälen und Informationsquellen, die sich tradierten politischen Prozessen und Strukturen stärker entziehen, wäre nach Meinung der Studie der nachhaltigen Sicherstellung einer freien, ausgewogenen Meinungsbildung der Bevölkerung kaum förderlich.

Die schon länger beobachtete Tendenz zur Zusammenlegung von Redaktionsorganisationen wie die Mantelredaktion Tamedia oder die zentralen Newsdesks bei SRG SSR geht bei überregionalen Informationen mit einer Reduktion der inhaltlichen Vielfalt einher, so die Mitteilung. Dies sei für eine ausgewogene Meinungsbildung wenig begrüssenswert. So vereine vor allem die SRG SSR im Duopol mit der TX Group eine exponierte Machtballung. Dies könnte beim Agenda Setting unerwünschte Effekte zur Folge haben.

Der Medienmonitor Schweiz erhebt nach eigenen Angaben seit 2017 das Potenzial für die Meinungsbildung von journalistischen Medienmarken und Mediengattungen (Print, Radio, TV, Online) sowie von ausgewählten Social-Media-Angeboten auf drei geografischen Ebenen (Schweiz, Sprachregionen und 14 lokal-regionale Medienräume).

 

 

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