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"Sterbenarrative" im Horizont von Spiritual Care

Wer erzählt, wird sich selbst präsent, schafft Bezüge und tritt in Beziehung. Eine differenzierte Wahrnehmung des Erzählens am Lebensende soll dazu beitragen, Schwerkranke und Sterbende bei ihrer narrativen Sinnsuche zu begleiten.

Dieser Beitrag von Simon Peng-Keller und Franzisca Pilgram-Frühauf ist erstmals erschienen in der Zeitschrift facultativ der Universität Zürich 2/2016. Der Wiederabdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung.

Parallel zur Erfolgsgeschichte der modernen Medizin kam es im vergangenen Jahrhundert zu einer Verdrängung des Todes. Der Blick auf heutige Entwicklungen legt eher eine gegenläufige Feststellung nahe: Wohl selten ist in der Menschheitsgeschichte so intensiv vom Sterben erzählt worden wie heute – auch vom eigenen. Bemerkenswert an dieser Entwicklung, die durch das Internet noch gefördert wird, ist nicht allein der Versuch, sich nahe an ein Ereignis heranzuschreiben, das nicht mehr aus der Perspektive der ersten Person erzählt werden kann. Auffällig ist auch die grosse Resonanz, die das Erzählen vom eigenen Sterben in der Öffentlichkeit der Lesenden und der Internet-User findet. Die Bücher von Wolfgang Herrndorff, Christoph Schlingensief und jüngst jenes von Paul Kalanithi wurden zu Bestsellern. Vorgängig zur postum erfolgten Buchpublikation machte Herrndorff seine Erfahrungen durch einen Blog öffentlich, während Schlingensief sein im Krankenhaus diktiertes Krebstagebuch, in dem er «um sein Leben redete», noch zu Lebzeiten veröffentlichte und in verschiedenen Fernsehsendungen von seinen Erfahrungen berichtete. Er vollzog seinen Abschied vom Leben ebenso öffentlich wie der an ALS erkrankte Brite Simon Binner. Dieser liess sich auf seinem langen Weg zur Entscheidung, sein Leben im Herbst 2015 ärztlich assistiert in der Schweiz zu beenden, vom Dokumentarfilmer Rowan Deacon porträtieren.

«Sterbenarrative» …

In einem Forschungsprojekt im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms Lebensende (NFP 67) untersuchte ein an der Theologischen Fakultät Zürich beheimatetes Forschungsteam unterschiedliche Aspekte heutigen Erzählens am und vom Lebensende im Horizont interprofessioneller Spiritual Care. Das Projekt stand unter dem kritischen Leitkonzept des «Sterbenarrativs». Dieses dient zum einen als Sammelbegriff für alle Formen des Erzählens am und vom Lebensende. Dazu gehören dann nicht nur die Selbstberichte von Sterbenden, sondern ebenso Berichte von An- und Zugehörigen.

Auch fiktionale Texte wie Leo Tolstois berühmte Novelle Der Tod des Iwan Iljitsch lassen sich unter diesem Sammelbegriff fassen. Zum anderen kann sich die Rede von einem Sterbenarrativ auch auf die den jeweiligen Erzählungen zugrunde liegenden Plots beziehen. In dem von ihm 2009 herausgegebenen Studienband The Study of Dying listet Kellehear sieben solcher narrativen Grundmuster auf, die zugleich Grundmetaphern des Sterbens darstellen: Sterben als Akt, als Reise, als oszillierender Prozess, als Rückzug, als Kollaps und Desintegration, als Marginalisierung und als Transformation.

Alle sieben Narrative fungieren in heutigen Sterbediskursen als normative Leitbilder des «guten» oder «schlechten» Sterbens, die einer kritischen Thematisierung bedürfen, weil sie nicht allein das Erzählen vom Sterben formieren, sondern auch die öffentliche und persönliche Wahrnehmung von Sterbeprozessen. Der Weg, den Kellehear vorschlägt, um sich von fixen Vorstellungen zu befreien, besteht in einer Ausweitung der «Beispieldiät». In seinem 2014 vorgelegten Buch The Inner Life of the Dying Person setzt er dieses Programm konsequent um. Im Rückgriff auf Selbstberichte, die von der kulturellen Norm abweichende Sterbeverläufe schildern (z.B. das Sterben in Todeszellen), möchte er die Verengung auf eine klinisch-medizinische Sicht des Sterbens aufbrechen, gleichzeitig aber auch dem Trend entgegensteuern, dass sich empirische Studien vorwiegend auf die höheren Gesellschaftsschichten Westeuropas und Nordamerikas fokussieren. Kellehears «Diäterweiterung» könnte noch ergänzt werden durch Beispiele aus der fiktionalen Literatur, die vorgegebene Narrative nicht nur reproduzieren, sondern oft auch kritisch unterlaufen.

So sperrt sich beispielsweise Kurt Martis kurze Sterbeerzählung Neapel sehen gegen den Zwang zur Lebensbilanz. Zwar werden exemplarisch einige Elemente aus der Biografie des Protagonisten erwähnt: jahrzehntelange mühevolle Arbeit, scheinbares häusliches Glück, ein soziales Umfeld.

Wie diese Elemente zusammenhängen und was sich im Leben wie im Sterben letztlich als wertvoll und tragend erweist, sind Fragen, die den Protagonisten durchaus beschäftigen und nach seiner Erkrankung auch bei den ihn umgebenden Figuren zu Mutmassungen führen, vom Erzähler selbst aber letztlich nicht beantwortet werden.

Der Text endet abrupt mit der Feststellung, dass die Hauptfigur gestorben sei, und öffnet damit Raum für vielfältige, auch widersprüchliche Lesarten und Interpretationen, die um die Brüche und Symmetrien des Textes herum oszillieren. Sie machen zumindest bewusst, wie sehr die finale Begrenzung durch den Tod eine narrative Verarbeitung und Deutung des Lebens anregt.

… im Horizont von Spiritual Care

Räume zu schaffen oder offenzuhalten, in denen Menschen am Lebensende davon erzählen können, wovon sie gelebt haben und was sie gegenwärtig bedrängt und trägt, gehört zu den zentralen Aufgaben interprofessioneller Spiritual Care. Das methodische Repertoire, das hilft, auf die Geschichten von Sterbenden und nahestehenden Personen zu hören, muss nicht neu erfunden werden. Cicely Saunders Anliegen einer ganzheitlichen Begleitung bis zuletzt, das Würde-Konzept von Harvey M. Chochinov, Erhard Weihers praktische Hinweise zur Symbolebene der Kommunikation am Lebensende oder auch Formen der Poesie- und Bibliotherapie – um nur ein paar wenige Ansätze zu nennen, die sich in den letzten Jahrzehnten in der Palliative Care bewährt haben – bieten hervorragende Anschlussmöglichkeiten.

In Bezug auf wissenschaftliches Nachdenken über Spiritual Care liefert schliesslich auch die Narratologie wichtige Impulse, um die Mehrschichtigkeit, Perspektivenvielfalt und Dynamik des Erzählens in Todesnähe zu verstehen und einer Dominanz bestimmter Sterbenarrative entgegenzuwirken.

Beim Erzählen im Horizont von Spiritual Care geht es bei weitem nicht nur darum, das gelebte Leben Revue passieren zu lassen und narrativ nachzubuchstabieren. Es gehört vielmehr zur unberechenbaren Erzähllogik am Lebensende, dass existenzielle Orientierungsmuster und Wertvorstellungen sich nochmals in retrospektivem Erinnern und prospektiver Imagination verschieben und biografische Schlüsselerlebnisse und Bilder sich symbolisch verdichten können. Die im eigentlichen Sinne einmalige Situation des Lebensendes wird in diesem Horizont zum kreativen Raum – auch für geistige Vermächtnisse, die den Tod überdauern.

Als Erzählraum kann er auch Fragmentarisches, mitunter Gebrochenes enthalten oder auch mit einem Schweigen gefüllt sein, das dem Fraglichen und Rätselhaften eines Lebens standhält. Und manchmal entspringen einer solchen Stille neue, überraschende Geschichten.

Simon Peng-Keller ist Professor für Spiritual Care.

Franzisca Pilgram-Frühauf ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Spiritual Care.

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