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„Diakonie hat das bessere Image als Kirche“

Unter dem Titel «Start up Kirche» ging es am Montag, 5. März in Zürich in einer Tagung darum, wie sich Kirche erfinden lässt. Was braucht es für die Neugründung einer Gemeinde, war die Kernfrage, auf die Tobias Faix, Leiter des Instituts für Transformationsstudien in Kassel und Florian Sobetzko, Leiter des Kompetenzzentrums «internationale pastorale Innovation» in Bochum Antworten gaben. Eines vorweg: Diakonie spielt dabei eine Schlüsselrolle.

Ein starkes Bild fand Professor Tobias Faix, praktischer Theologe, um die Binsenweisheit zu illustrieren, wonach sich die Welt stark verändert hat in den letzten Jahren, die Kirche aber stehen geblieben ist: Eine Brücke in den USA, die einem Wirbelsturm trotzte, aber keine Verbindung mehr bildet von Flussufer zu Flussufer, wie es ihr ursprunglicher Zweck war, sondern ungenutzt auf dem Land steht. Warum? Weil der Fluss seit dem Sturm woanders durchfliesst.

«Wir müssen lernen, dass wir Lernende sind. Wir brauchen Demut statt Triumphalismus.»

«Es reicht nicht, Brücken attaktiver zu machen, wenn sie am falschen Ort stehen», sagte Faix. «Die Fragen und Bedürfnisse der Menschen haben sich verändert.» Kirchenleute könnten deshalb nicht mit den Antworten aufwarten, die sie seit eh und je bereit halten. Bei Neugründungen von Gemeinden sei zentral, dass die Initianten sich den Menschen zuwenden, ihnen zuhören und auf sie eingehen. Zur Veranschaulichung erzählte er von einem Gespräch mit einem Jugendlichen. Dem Jungen wurde in einer Umfrage ein Kreuz gezeigt und gefragt, was das sei. Das bedeute Gesundheit, sagte der Junge. Statt dass ihn der Theologe belehrte, dass das Kreuz für den Tod und die Auferstehung von Jesus steht, fragte er, wie er darauf komme. Der Jugendliche verwies auf ein Interview mit einem italienischen Fussballer, der sich bekreuzigt vor dem Spiel. Seit er das tue, habe er sich nie mehr verletzt auf dem Platz, habe der Fussballer gesagt. Die Schlussforgerung des jungen Fans: Bekreuzigen ist gesund. Die Schlussfolgerung für den Theologen Faix: «Wir müssen lernen, dass wir Lernende sind. Wir brauchen Demut statt Triumphalismus.»

Start up Kirche

Florian Sobetzko, Leiter des Kompetenzzentrums «internationale pastorale Innovation»
an der Universität Bochum. Bild: a+w.

Was das für Neugründungen von Gemeinden bedeutet, führte er anhand konkreter Projekte in Deutschland aus. Auffällig dabei: Alle vorgestellten Projekte begannen diakonisch. Warum?

Ein Problem lösen oder ein Bedürfnis befriedigen

«Ein Start-up gelingt, wenn es etwas leistet, das den Leuten etwas bringt. Es muss ein Problem lösen oder ein Bedürfnis befriedigen», sagte Florian Sobetzko, Leiter eines Kompetenzzentrums in Bochum, das sich der Forschung und Entwicklung von Stragieen und Instrumenten für die Kirchenentwicklung verschrieben hat. Deshalb kümmerten sich die Initianten der vorgestellten Projekte um Dinge wie Kindertagesstätten, Räume für Theaterproben, Erziehungsfragen, Deutschkurse und so weiter. Zehn Jahre machten sich zwei junge Theologen in einer Plattenbausiedlung mit Wendeverlieren nützlich, bevor sie auf Bitten der Anwohner hin eine Form von Gottesdienst entwickelten, die dorthin passte.

Wer ein Projekt angehe mit der Frage, wie man Leute in den Gottesdienst bringt oder wie sie zum Kircheneintritt bewegt werden könne, habe verloren, sagte Tobias Faix. Viele Menschen reagierten ablehnend auf Kirche und Pfarrpersonen. «Diakonie hat das bessere Image als Kirche. Denn Kirche wird mit Gottesdienst in Zusammenhang gebracht», stellte er fest. Diese Erfahrung teilt Florian Sobetzko. Er schlug in seinem Referat vor, säkulare Projekte zu unterstützen, um das Vertrauen zu gewinnen. «Helfen wir den anderen, ihr Projekt zu realisieren, statt zu versuchen, die Leute zu uns zu bringen.»

«Wir können uns Grabenkämpfe nicht mehr leisten. Vielmehr ist eine Respiritualisierung der Sozialdiakonie nötig.»

Start up Kirche

Der Ecclesiopreneurship Canvas für Kirchenentwicklung und pastorale Innovation
während der Tagung am 5. März. Bild: a+w.

Ein guter Ratschlag für eine Pfarrerin in Zürich, die in einer neuen Grossüberbauung die Kirche zu den Leuten bringen möchte. Schon bei der Raumsuche stiess sie auf Ablehnung. Nur dank persönlichen Verbindungen konnte sie schliesslich einen Hobbyraum mieten, in dem sie aber keine kultischen Handlungen durchführen darf. Die Stimmung ihr gegenüber ist noch immer ablehnend bis feindselig. Weil sich auch die Wohnbaugenossenschaft, Vereine und Sozialarbeiter vor Ort um die neuen Anwohner bemühen, hat sie grosse Mühe, ein Angebot zu entwickeln, das die Menschen erreicht. Sie beginnt nun mit einem Lerntreff für Kinder und Erwachsene – auch ein sozialdiakonisches Projekt.

Ist die Diakonie also die Wegbereiterin für die Theologie, sind Sozialdiakone die Vorhut der Pfarrerinnen? Professor Faix schüttelte den Kopf. «Wer so denkt, hat den Ernst der Lage nicht begriffen», sagte er. «Wir können uns Grabenkämpfe nicht mehr leisten.» Vielmehr sei eine Respiritualisierung der Sozialdiakonie nötig. «Dies bedingt einen Haltungs- und Strukturwandel.» Dies bedeutet: Start-ups, die nach den Bedürfnissen der Menschen fragen, verändern die Kirche. Im Idealfall so, dass sie Brücken bauen kann zwischen Ufern, Strassenseiten, Institutionen und natürlich zwischen Menschen.

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