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Schlechte Bildungsmobilität: Keine Tellerwäscherkarriere in der Schweiz

„Unser Bildungssystem zementiert die soziale Stellung.“ So titelte vor einigen Tagen der Tagesanzeiger. Und: Menschen, die heute wenig verdienen, haben in der Schweiz wenig Chancen, sozial aufzusteigen.

Worauf sich diese und andere Zeitungen berufen, ist eine Studie der Universität Zürich. Genauer genommen des von der Grossbank UBS finanzierten International Center of Economics in Society. Die beiden Ökonomen Isabel Martinez und Reto Föllmi untersuchen dort die Verteilung von Einkommen und Vermögen in der Schweiz.

Das Interesse an der Verteilung von Einkommen und Vermögen sei “in jüngster Zeit wieder neu entbrannt”, heisst es im UBS Center Public Paper. Auch deshalb, weil nach Jahren der Stabilität die Ungleichheit in vielen Ländern wieder zunehme.

Eine Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär ist in der Schweiz äusserst unwahrscheinlich.

Dies zeige sich auch durch die Vielzahl an Vorstössen und Initiativen zum Thema. So wollte die 1:12-Initiative die höchsten Löhne innerhalb einer Unternehmung auf das maximal 12-fache des tiefsten Lohnes beschränken. Die Initiative über ein bedingungsloses Grundeinkommen konzentrierte sich auf das untere Ende der Verteilung. Einzig Erfolg hatte schliesslich die “Abzocker-Initiative” von Thomas Minder, welche überrissenen Boni-Zahlungen entgegenwirkt.

Die Studie präsentiert nun “nüchterne Fakten”. Das Lohnniveau ist demnach in der Schweiz – erwartungsgemäss – im Ländervergleich hoch. Die Ungleichheit zwischen Arm und Reich ist gering und die Öffnung der Einkommensschere hält sich in Grenzen. Einzig die Zahl der “Superreichen” habe in letzter Zeit deutlich zugenommen.

Schlechte Noten für Schweizer Bildungsmobilität

Bildungsmobilität: Status der Eltern entscheidet mit

Aber: Eine Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär ist in der Schweiz äusserst unwahrscheinlich. Die sogenannte Einkommensmobilität fällt gering aus. Menschen mit geringem Einkommen schaffen es also kaum an die Spitze.

Die Studie untersucht sowohl die Auf- und Abstiegswahrscheinlichkeit einer Person im Laufe ihres Lebens als auch die Wahrscheinlichkeit, dass jemand im Vergleich zu seinen Eltern in der Einkommensverteilung auf- oder absteigt.

Im ersten Fall fällt diese am unteren wie am oberen Ende der Einkommensverteilung am geringsten aus. 43% respektive 56% belegen auch nach zehn Jahren noch denselben Rang in der Einkommensverteilung. Die Wahrscheinlichkeit, es von ganz unten nach ganz oben zu schaffen ist genau wie der Weg andersherum mit 3% gering.

Doch welchen Einfluss hat die Stellung der Eltern auf die Ausgangslage einer Person? Bei dieser Analyse der Einkommensmobilität über mehrere Generationen hinweg werden auch Bildung und Status berücksichtigt. Traditionellerweise ist die Einkommensmobilität gering, wenn die Einkommensungleichheit hoch ist und umgekehrt. Die Autoren der Studie vergleichen dazu die Einkommensverteilung mit einer Leiter: Bei zunehmender Ungleichheit nimmt der Abstand zwischen den Sprossen zu, was den Aufstieg erschwert.

In der Schweiz steht es nicht gut um die Einkommensmobilität zwischen den Generationen, stellt die Studie fest. In den meisten europäischen Ländern sei sie deutlich höher. Eine Erklärung dafür sei in der sogenannten Bildungsmobilität zu finden. Und hier schneide die Schweiz schlecht ab. Das hätten verschiedene Studien der OECD gezeigt.

Vorschulische Betreuung massgeblich

Hier gelingt es relativ wenigen Nachkommen aus einem Elternhaus mit geringer Bildung, einen Hochschulabschluss zu machen. Unter den Studierenden ist der Anteil aus niedrigen Bildungsschichten mit knapp 6% ausgesprochen tief, bilanzieren die Wissenschaftler. Rund 33% verbleiben im Bereich mit tiefer Bildung, nur 17% steigen im Vergleich zu ihren Eltern von ganz unten nach ganz oben auf. Nur in den USA sei der Aufstieg noch schwieriger.

Was also tun? Die Forscher weisen auf die Bildungspolitik hin. Ihr komme eine zentrale Rolle für die Einkommensmobilität zu. Vor allem vorschulische Betreuungsangebote seien hier massgeblich. Genauso öffentliche Schulen hoher Qualität und ein Stipendienwesen für Studierende aus einkommensschwachen Familien.

Bildung ist, neben der Gesundheit, der Hauptbestandteil des Humankapitals. So heisst es in der jüngst erschienenen aktualisierten Version des “Indikatorensystems Wohlfahrtsmessung” des Bundes. Bildung wirke sich günstig auf das Sozialkapital und somit direkt auf die Gesellschaft aus: “Gute Bildung geht typischerweise mit höherer politischer Stabilität, grösserer sozialer Kohäsion und weniger Kriminalität einher.”

Hinter den Veränderungen der Einkommens- und Vermögensverteilung stünden „soziale, politische und ökonomische Entwicklungen, von denen es einige erst noch zu verstehen gilt“, so Martinez und Föllmi. Der Trend zu Analyse der Ungleichheit und von deren Treibern werde sich fortsetzen.

Schlechte Noten für Schweizer Bildungsmobilität

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