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Frühe Förderung der Kinder für gleiche Chancen

Kinder sollen in der Schweiz früher gefördert werden, hat der Nationalrat kürzlich beschlossen. Damit auch Kinder aus weniger privilegierten Familien die gleichen Chancen haben, braucht es eine Politik der frühen Kindheit, sagt dazu die schweizerische UNESCO-Kommission.

Der Schweizer Bundesrat soll die Förderung der frühen Kindheit weiter verstärken. Der Nationalrat hat in seiner letzten Session Ende September ein entsprechendes Postulat deutlich gutgeheissen. In einem Bericht soll die Regierung nun zeigen, wie beispielsweise die Integration fremdsprachiger Kinder oder die Qualität der Berufe in den Bereichen Früherziehung und Beratung verbessert werden könnte.

Es gibt Handlungsbedarf, hiess es vom Postulanten dazu, weil Familie und Beruf in vielen Fällen noch nicht vereinbar seien. Familienexterne Betreuungsangebote sowie eine deutliche finanzielle Entlastung der Eltern ermöglichte Müttern mit niedrigem Qualifikationsniveau eine Ausbildung oder Erwerbstätigkeit. Auch bestehe Handlungsbedarf, weil viele Kinder mit Eintritt in den Kindergarten kein Wort Deutsch oder Französisch sprächen.

Von den leistungsstarken Zürcher Erstklässlerinnen und Erstklässlern in Mathematik stammte rund ein Drittel aus eher privilegierten Familien, während knapp zwei Drittel der leistungsschwachen Schülerinnen und Schüler einen sozial benachteiligten Hintergrund hätte, so Nationalrat Niklaus-Samuel Gugger. Die pädagogische Qualität, die Situation in den Betreuungsangeboten und die Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten müssten dringend verbessert werden.

Politik der frühen Kindheit

Bereits Anfang des Jahres hatte legte die schweizerische Kommission der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur UNESCO einen Bericht mit ähnlichen Forderungen vor. Trotz Förderprogrammen von Gemeinden, Kantonen, Bund, privaten Initiativen und freien Stiftungen, bestehe grosser Handlungsbedarf im Bereich der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung, so die Kommission. Gefragt sei ein «Quantensprung» durch Koordination von Massnahmen auf Bundesebene und die Schaffung gesetzlicher Grundlagen.

Der Trend zu kleinen Familien, die zunehmende Erwerbstätigkeit beider Elternteile und die Tatsache, dass Entwicklungsunterschiede zwischen Kindern aus privilegierten und weniger privilegierten Verhältnissen bereits beim Kindergarteneintritt sehr gross wären, seien Gründe, wieso die frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung auf die politische Agenda gehöre.

Die Lernerfahrungen in den ersten Lebensjahren sind die Entwicklungsgrundlage jedes Kindes, so die schweizerische Kommission. «Im Spiel und im Austausch mit ihren Bezugspersonen und ihrer Umgebung lernen Kinder in den ersten Lebensjahren viel Wichtiges.» Ob gesundheitliche Versorgung in der Schwangerschaft, Elternbildung und -beratung oder Spielgruppen und Kitas – all diese Angebote unterstützten die Familie und ermöglichten allen Kindern ein gesundes Aufwachsen.

Die Ambitionen der Kinder, nicht der Eltern bedienen

Kinder seien ab Geburt auf eine liebevolle Umgebung durch die Familie angewiesen. Darüber hinaus benötigten Familien und Kinder jedoch die Unterstützung und Förderung durch die Öffentlichkeit, um gut aufwachsen zu können. Damit alle Kinder in der Schweiz gleich gute Chancen haben, brauche es eine Politik der frühen Kindheit. Nur so seien Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Angebote von hoher Qualität entstehen, die für alle erschwinglich seien.

Entsprechend unterstütze die schweizerische UNESCO-Kommission die globalen Bildungsziele der UNO. Alle Mädchen und Jungen solle der Zugang zu hochwertiger frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung gesichert werden, die ihnen einen erfolgreichen Übergang in die Schule ermöglichen, heisst es dort. «Frühe Förderung» wolle dem Kind beim Start seiner Bildungsbiografie die bestmögliche Entwicklung gewährleisten.

Keinesfalls jedoch meine der Begriff jene Bildung, «die von den eigenen Interessen der Kinder abgekoppelt vorwiegend die Ambitionen der Eltern oder der Gesellschaft bedienen». Im Zentrum stehe das Spiel, der Kontakt mit Gleichaltrigen, die Stärkung der Eltern, eine anregende Umgebung und insgesamt die Unterstützung einer gesunden Entwicklung.

Forderungen für eine Politik der frühen Kindheit

Die schweizerische Kommission legt in ihrem Bericht verschiedene Empfehlungen für die Politik vor. So gehe es zunächst darum, Angebote für alle zu gewährleisten. Kantone und Gemeinden sollen bedarfsgerechte Angebote für Vorschuldkinder zur Verfügung stellen, die auch von sozial benachteiligten Familien genutzt werden. Das gelinge, wenn sich die Angebote an alle Bevölkerungsschichten richteten, die Tarife angemessen seien und die Eltern einbezogen würden.

Weiter müsse die Politik koordinieren und vernetzen. Die Politik der frühen Kindheit liege an der Schnittstelle von Bildungs-, Sozial-, Gesundheits- und Integrationspolitik, so die UNESCO-Kommission. Die unterschiedlichen politischen Zuständigkeiten und die vielfältigen Akteure und Angebote machten eine gute Steuerung und Koordination erforderlich.

Um die Lern- und Entwicklungsprozesse von Kindern wirksam zu unterstützen, sei weiter eine hohe Qualität der Angebote zentral. Der Qualifikation des Personals komme dabei eine Schlüsselrolle zu. Die Fachkräfte bräuchten zudem gute Arbeitsbedingungen und klare Standards bezüglich struktureller Faktoren wie auch für die pädagogische Arbeit mit Kindern.

Ein qualitativ hochwertiges Angebot früher Förderung bringe einen volkswirtschaftlichen Nutzen, sei aber auch mit beträchtlichen Investitionen verbunden, heisst es schliesslich im Bericht. Gemeinden und Kantone seien gefordert, mehr finanzielle Mittel für den Frühbereich zur Verfügung zu stellen und damit die Familien spürbar zu entlasten.

Die Politik der frühen Kindheit respektiere das Recht des Kindes auf Bildung und Förderung seiner Persönlichkeitsentwicklung, betont die schweizerische UNESCO-Kommission. Sie entfalte dabei einen Nutzen für die Kinder und Familien wie auch für die Volkswirtschaft und die Gesellschaft insgesamt. Investitionen in die frühe Kindheit seien zudem effizienter als Massnahmen für ältere Kinder oder im Erwachsenenalter. Nicht zuletzt sei frühe Förderung Basis für mehr Chancengerechtigkeit. Entwicklungsrückstände, die sich beim Kindergarteneintritt zeigten, würden in der Schulzeit oftmals nicht mehr aufgeholt.

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