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Pflegebedürftigen Menschen Mitverantwortung geben

Die Menschen werden älter, Familienstrukturen ändern sich, und vor allem zählt die Selbstbestimmung. Mit einem Paradigmenwechsel hin zur Sozialraumorientierung will das Modell SING des Diakoniewerks Österreich Abhilfe schaffen und Kosten senken.

In der Schweiz sind 620´000 ältere Menschen auf Betreuung angewiesen, doch nicht alle können sich diese leisten. Aufgrund der demografischen Entwicklung werden im Jahr 2050 doppelt so viele über 80-Jährige in der Schweiz leben als heute.

Jeder zehnte Einwohner wird dann über 80 Jahre alt sein. Damit wird auch die Zahl jener stark zunehmen, die neben der medizinischen Pflege psychosoziale Betreuung benötigen, um möglichst lange selbständig ihren Alltag zu gestalten und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können, formulierte jüngst eine Studie der Paul Schiller Stiftung.

Schon heute sei der Bedarf an zusätzlicher Betreuung gross. Potentiell fehle es mehr als 620’000 Menschen über 65 Jahren an Unterstützung, so die Studie “Gute Betreuung im Alter – Kosten und Finanzierung”. Die Lücke an Unterstützung sei gross, sowohl zu Hause als auch in den Heimen: Es fehlten 20 Millionen Betreuungsstunden. Dies entspreche einem Gegenwert von 0,8 bis 1,6 Milliarden Franken.

Ein Teil dieser Lücke müsse staatlich finanziert werden. Nur mit einem staatlichen Engagement lässt sich laut Paul Schiller Stiftung sicherstellen, dass sich auch ältere Menschen mit bescheidenen finanziellen Mitteln eine gute Betreuung leisten können. Gleichzeitig müsse das Angebot ausgebaut und weiterentwickelt werden. Wichtig sei, dass dabei die Zugangshürden minimal gehalten würden und die Qualität des Angebots gesichert sei. Die Paul Schiller Stiftung legte dabei ein eigenes Konzept vor, mit dem Altern in Würde ermöglicht werden solle.

Die Generation der Babyboomer wird pflegebedürftig

Auch in Österreich ist die Situation vergleichbar. Waren vergangenes Jahr dort 5,5 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher über 80 Jahre, werden es laut dortigem Diakoniewerk 2050 über 11 Prozent sein. Im Jahr 2030 werde die Generation der Babyboomer pflegebedürftig sein, bilanziert das Diakoniewerk. Als Folge würden sich die volkswirtschaftlichen Kosten für die Langzeitpflege verdoppeln.

Auch verändern sich Familienstrukturen stark. Demnach nimmt in Österreich zwischen 2015 und 2030 die Zahl der Ein-Personen-Haushalte über 65 um 39 Prozent zu. Das Modell der meist von Frauen geleisteten privaten Pflege innerhalb der Familie komme damit immer mehr unter Druck.

Ebenso werde der Mangel an Fachkräften in den nächsten Jahren drastisch wachsen, so das Diakoniewerk. Prognosen zeigten, dass in Österreich bis zum Jahr 2030 rund 24´000 Pflegekräfte fehlen werden.

Und nicht zuletzt veränderten sich die Ansprüche von Personen mit Pflegebedarf. Der Wille nach umfassender Selbstbestimmung im Alter löse das vorherrschende Bild von Abhängigkeit zunehmend ab, heisst es.

Die drei relativ starren Versorgungssäulen in der Pflege, die mobilen Dienste, die teilstationäre Tagespflege und die stationäre Versorgung, zeigten untereinander nur eine eingeschränkte Durchlässigkeit, so das Diakoniewerk. Auch sei die Zersplitterung der Kompetenzen im Pflegebereich zwischen Bund, Ländern, Gemeinden und Städten enorm.

Für eine Person könne es einerseits ökonomisch günstiger sein, in ein Altenheim zu ziehen, als den Pflegebedarf durch eine umfassende Betreuung zuhause zu decken. Andererseits könnten pflegebedürftige Menschen oft weder das Angebot noch den Anbieter frei auswählen.

Nötig ist ein Paradigmenwechsel

Nötig sei ein neues Modell für die Organisation von Pflege, damit der Mensch im Mittelpunkt stehe – ohne Erhöhung der gesamtwirtschaftlichen Kosten. Das Diakoniewerk legt ein solches Modell unter dem Namen „SING“ für „Seniorenarbeit Innovativ Gestalten“ vor. Das Modell gestalte die Finanzierungs- und Bereitstellungslogik in der Pflege komplett neu, heisst es.

Alte Logiken und Einschränkungen müssten überwunden werden. Stattdessen gelte es, sich an bestimmten Leitprinzipien zu orientieren, die zu mehr Autonomie für die Menschen, einem breiteren Wohlfahrtsmix und einer Einbindung möglichst vieler Ressourcen im Sozialraum führten. Dazu müsse man sich von einem konkreten Modell einer Finanzierungslogik hin zu einer personenzentrierten Begleitung im Alter entwickeln.

Pflegebedürftige Personen müssten dazu Mitverantwortung für die Gestaltung ihres Pflegesettings übernehmen können. Das Wissen, über die eigene Situation mitentscheiden zu können, habe eine zentrale Bedeutung, so das Modell. Jeder Mensch habe das Recht darauf, eine klare Meinung über die persönliche Lebensführung zu besitzen.

Beim Eintritt in die Pflegebedürftigkeit brauche es eine schnelle, umfassende und kompetente Unterstützung. Im Sozialsystem der Zukunft stünden dafür Pflegelotsinnen und Pflegelotsen als kompetente Vertrauenspersonen Personen mit Pflegebedarf und Angehörigen zur Seite.
Künftig solle man nicht nur aus wenigen starren Angebotskategorien wählen können, sondern es entstünden immer genau dort und dann jene Dienstleistungen, die die Kundinnen und Kunden bräuchten, so das Modell weiter. Dazu würden nicht zentral normierte Angebote Jahre im Voraus geplant, sondern alle Akteurinnen und Akteure implementieren kleinräumig und schnell innovative Dienstleistungen.

Derzeit sei man auf die fixe Angebotsstruktur angewiesen. Zukünftig bestimmten flexible, lokale Angebote den Markt. Neu gewonnenes Know-how für Angehörige über bestehende, teils individuelle Möglichkeiten führten zur Entlastung der Familienstrukturen.

Sozialraumorientierung für ein tragfähiges Netz

In einem innovativen Sozialsystem zögen Profis und Angehörige an einem Strang und knüpften gemeinsam ein tragfähiges Netz. Persönliche Ressourcen würden aktiviert, pflegende Angehörige erhielten professionelle Unterstützung, Freiwillige würden einbezogen und Profis steuerten Expertise und passgenaue Dienstleistungen bei.

Derzeit verpufften viele Sozialraumressourcen, heisst es weiter. Kombiniere man jedoch alle Ressourcen aktiv, könnten Personen mit Pflegebedarf länger in ihrem gewohnten sozialen Umfeld bleiben.

Schon mittelfristig Kostendämpfung

Um diese neuen Prinzipien zu realisieren, stellt das Diakoniewerk mit dem Modell SING eine neue Finanzierungs-, Planungs- und Bereitstellungslogik für die Pflege vor. So hätten Personen mit Bezug von Pflegegeld die Möglichkeit, mit einem Teil ihres Pflegegeldes einen sachleistungsbezogenen Autonomiebeitrag zu erwerben.

Mit diesem Teil sollen Pflegebedürftige individuell ihre Betreuungs- und Pflegedienstleistungen erwerben können, entsprechend ihren konkreten Bedürfnissen. Die Angebote und Dienstleistungen, die dafür erwerbbar sind, sollen von einer öffentlichen Stelle anerkannt sein, um ihre Qualität sicherzustellen.

Welche Art der Leistung angeboten werde, könne je nach Region unterschiedlich sein, je nachdem, was dort konkret gebraucht werde und was es bereits an vorhandenen Ressourcen gebe. Damit erhielten die pflegebedürftigen Personen selbst größere Autonomie und Wahlfreiheit.

Neben der Veränderung der Finanzierungslogik sei es auch erforderlich, eine verpflichtende lokale Beratung und Sozialraumkoordination in Form von Pflegelotsinnen und Pflegelotsen anzubieten. Die Kundinnen und Kunden würden dann von diesen Fachpersonen unterstützt, sich darüber klar zu werden, wie sie konkret leben wollten.

Die Person mit Pflegebedarf müsse genügend Überblick erhalten, welche Ressourcen zur Erreichung der eigenen Ziele verfügbar seien. Um die pflegebedürftige Person passgenau dabei zu unterstützen, dass sie so leben kann wie sie will, werde dann ein geeignetes Pflegesetting aus allen verfügbaren professionellen und informellen Ressourcen aufgebaut.

Die SING-Logik führe dazu, dass Ressourcen zielgerichteter und passgenauer eingesetzt würden, resümiert das Papier. Diese qualitätsvollere, maßgeschneiderte, flexible und leistbare Betreuung zu Hause führe mittelfristig zu einer Dämpfung der Nachfrage nach teuren Altenheimplätzen und somit zu einem gesamthaften Kostendämpfungseffekt.

 

 

 

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