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Organspende: Geben oder nehmen?

Es werden zu wenige Organe gespendet. Soll nun ein fehlender Widerspruch automatisch als Zustimmung gewertet werden oder wird so aus dem eigenen Spenden ein fremdes Nehmen? Eine Bestandsaufnahme zur Organspende in der Schweiz.

In der Schweiz gibt es nach wie vor zu wenig Organspender. Auch im internationalen Vergleich liegt die Schweiz zurück. Gab vor einiger Zeit die Neue Zürcher Zeitung zu bedenken. In der Tat steigt die Zahl der Spenderinnen und Spender, sie bewegt sich jedoch im Vergleich zu den Wartelisten auf ein Organ auf niedrigem Niveau. So spendeten 2005 ganze 84 lebende Personen ein Organ, weiter konnte 90 verstorbenen Personen ein Organ entnommen werden. Im Jahr 2017 lagen diese Zahlen bei 137 lebenden und 145 verstorbenen Personen, insgesamt ist die Spenderzahl also um 62% gestiegen.

In Relation sieht das so aus: 2005 gab es 11 lebende und 12 verstorbene Spenderinnen und Spender pro Million Einwohner in der Schweiz. 2017 waren dies 16 lebende und 17 verstorbene. Gleichzeitig warteten 2005 555 Personen mit dem Status „aktiv“ auf ein Organ, 2017 waren dies 689. Aktiv bedeutet, dass eine Transplantation medizinisch möglich ist. Bei den „inaktiven“, also aus Krankheitsgründen nicht transplantationsfähigen Wartenden, stieg die Zahl von 313 auf 789.

Material

Zahlen: Organspende in Europa 2016/2017

Spenden Verstorbener auf Millionen Einwohner (Daten in Klammer 2012): Spanien 46.9 (33.8), Portugal 33.91 (20.1), Tschechien 25.51 (18.8), Österreich 24.70 (18.8), Grossbritannien 23.05 (12.9), Slowenien 20.87 (15.0), Ungarn 18.51 (17.5), Schweiz 17.20 (12.0), Dänemark 16.48 (11.5), Niederlande 14.71 (15.7), Polen 14.57 (13.0), Litauen 14.30 (9.7), Slowakei 13.26 (12.1), Deutschland 9.70 (15.3), Rumänien 6.20 (1.0), Griechenland 4.68 (7.1), Zypern 3.33 (5.7).

Rechtslage in Europa 2016/2017

Die Zustimmungslösung gilt in Dänemark, Griechenland, Grossbritannien, Litauen, Rumänien und der Schweiz. In Deutschland gilt die Entscheidungslösung. Auch hier muss eine Zustimmung vorliegen. Um dies zu ermöglichen, erhalten die Krankenversicherten regelmässig Informationsmaterial.

Die Widerspruchslösung gilt in Bulgarien, Frankreich, Irland, Italien, Lettland, Liechtenstein, Luxemburg, den Niederlanden, in Österreich, Polen, Portugal, der Slowakei, in Slowenien, Spanien, Tschechien, der Türkei, in Ungarn und Zypern.

Organspende

Im März 2013 hat der Bundesrat deswegen den Aktionsplan „Mehr Organe für Transplantationen“ lanciert. Damit soll die Spendenrate auf 20 Personen pro Million Einwohnerinnen und Einwohner erhöht werden. Eine wichtige Rolle in der Debatte spielt dabei die Frage, ob von der derzeit im Gesetz festgeschriebenen Zustimmungslösung auf die Widerspruchslösung umgestellt werden soll.

Zustimmung oder Widerspruch?

Im Jahr 2007 trat das Transplantationsgesetz in Kraft. Mit ihr wurde die sogenannte erweiterte Zustimmungslösung schweizweit eingeführt. Demgemäss dürfen einer verstorbenen Person Organe, Gewebe oder Zellen nur entnommen werden, wenn sie vor ihrem Tod einer Entnahme zugestimmt hat und der Tod festgestellt worden ist. Die Zustimmung zur Organentnahme nach dem Tod wird mit der Spendekarte dokumentiert. Auf dieser können auch die zur Spende freigegebenen Organe, Gewebe und Zellen detailliert genannt werden oder welche Vertrauensperson im Todesfall die Entscheidung über eine Organspende treffen soll. Schliesslich erlaubt die Karte auch den Vermerk über die grundsätzliche Ablehnung einer Spende. Erweitert» wird die Zustimmungslösung genannt, weil bei einer fehlenden Willensbekundung die nächsten Angehörigen mit entscheiden dürfen. Wissen diese von keiner Erklärung der verstorbenen Person, können sie einer Entnahme zustimmen.

Die Widerspruchslösung galt in den meisten kantonalen Regelungen vor Einführung des nationalen Transplantationsgesetzes. Sie fragt nicht nach dem zu Lebzeiten dokumentierten Willen einer Person. Vielmehr genügt ihr die Auskunft, dass eine Person einer Körperspende nicht explizit widersprochen hat. Das Fehlen einer solchen ausdrücklichen Ablehnung wird also als stille Zustimmung zur Spende gewertet.

Geben oder nehmen?

Was spricht also gegen die Widerspruchslösung? Sie beruht auf der Annahme, dass die meisten Menschen Organe spenden würden, wenn sie ihre Haltung dokumentiert hätten. Und diese Unterstellung funktioniere nur, weil die Betroffenen in der entscheidenden Situation nicht mehr gefragt werden könnten, sagt Frank Mathwig. Der Professor für Ethik an der Universität Bern und Ethikbeauftragte des Evangelischen Kirchenbundes hat für diesen ein Argumentarium verfasst, in dem er eine kritische Position zur Widerspruchslösung einnimmt. Sie widerspräche fundamental den besonders in der Medizin so zentralen Selbstbestimmungs- und Persönlichkeitsrechten: „Auf der Schwelle des Todes scheinen diese Schutzrechte zu bröckeln.“

Für Mathwig entsteht der Eindruck, „als gehe der Körper einer Person in den Besitz der Gemeinschaft über, sobald er dieser Person seinen Dienst verweigert“. Die Widerspruchslösung drohe „auf eine Pflicht zur Entäusserung des eigenen Körpers an die Gemeinschaft“ hinauszulaufen.

Eine Organspende sei häufig die letzte und einzige Rettung für einen Menschen. Die Gesellschaft könne ohne die gegenseitige Empathie und Solidarität der Bürgerinnen und Bürger nicht bestehen. Daraus folgt laut Mathwig aber nicht, dass sich diese “auch gegenseitig ihre Organe schulden”. Die Logik der Widerspruchslösung nötige Menschen zu einer Entscheidung. Eine solche Entscheidungspflicht schränke “die grundrechtliche Freiheit, die eigene Meinung zu äussern oder zu verschweigen, empfindlich ein”.

Die Widerspruchslösung mache “aus dem eigenen Spenden ein fremdes Nehmen”. Werde eine fehlende Ablehnung automatisch als schweigende Zustimmung gewertet, werde das liberale Freiheitsverständnis “auf den Kopf gestellt”, denn aus dieser Sicht käme bei der Organspende “ausschliessliche die freiwillige Zustimmung in Betracht”.

Organspende

Spenden oder nicht?

Dass aus der eigenen Nicht-Entscheidung nicht die falschen Schlüsse gezogen werden dürfen, darauf macht Frank Mathwig aufmerksam. Dass die eigene Entscheidung unter Umständen den Angehörigen helfen kann, darauf macht die Kampagne des Bundesrates aufmerksam, über die eine Spendenkarte bestellt oder gleich online ausgefüllt werden kann. Ob die oder der Einzelne Organe spenden möchte oder nicht oder ob er oder sie sich überhaupt entscheiden möchte, ist und bleibt eine persönliche Entscheidung.

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