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Mehr Armut in der reichen Schweiz

Seit Jahren steigt die Armut in der Schweiz. Alleinlebende, Alleinerziehende und Menschen mit geringer Bildung sind am stärksten von ihr bedroht. Eine nationale Armutsstrategie fehlt. Und: Das Armutsrisiko bleibt weiblich.

Die Armut in der Schweiz nimmt zu. Angesichts einer brummenden Wirtschaft und allgemeiner Zuversicht klingt dieser Satz beinahe seltsam. Und doch belegen ihn aktuelle Zahlen des Bundesamtes für Statistik BFS.

Jede und jeder Zwölfte in der Schweiz ist demnach arm. Als Armutsgrenze gelten ein Einkommen von nicht mehr als 2259 Franken pro Monat für eine Einzelperson und 3990 Franken für eine Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren. 675000 Menschen in der Schweiz waren nach dieser Definition 2017 arm, 2015 waren es noch 570000. Das entspricht 8,2% der Schweizer Wohnbevölkerung und 4,3% der Erwerbstätigen. Seit 2014 steigt die Armutsquote. Und 12,8 Prozent waren in den vergangenen vier Jahren mindestens ein Jahr arm.

Am stärksten betroffen sind Alleinlebende, Personen in Einelternhaushalten mit minderjährigen Kindern, Personen ohne nachobligatorische Ausbildung und Personen in Haushalten ohne Erwerbstätige.

Armut macht anfällig für Krankheiten

Armut führt zu Stress, kurzfristigem Denken und macht anfällig für körperliche und seelische Krankheiten, hat eine Studie der Universität Zürich und des Massachusetts Institute of Technology MIT ergeben. Wer arm ist, hat ausserdem weniger Einfluss, weniger Zugang zu gesellschaftlichen Anlässen und läuft Gefahr, isoliert zu werden. Netzwerke zu pflegen, wird schwieriger, und auch Weiterbildungen kosten Geld. In einer Gesellschaft, in der die Mehrheit nicht einmal mehr für ein Sofa sparen muss, empfinden es Arme als demütigend, von einem Schaden an einem Haushaltsgerät aus dem Konzept gebracht zu werden, stellte ein früherer Diakonie-Magazinbeitrag fest.

Die MIT-Studie nennt verschiedene Möglichkeiten, wie Gesellschaften etwas gegen Armut tun können. Erstens über direkte finanzielle Unterstützung. Das zeige unmittelbar Wirkung auf die Psyche und das ökonomische Handeln. Zweitens über psychologische Unterstützung, die laut der Studie auch Nichtdepressiven gegen Stress hilft und ebenfalls das ökonomische Handeln beeinflusst. Und drittens über die Unterstützung im Wirtschaften.

So etwas wie eine reformierte nationale Armutsstrategie, die bestehende Angebote zueinander in Beziehung setzt, bündelt und klar vernetzt, fehlt hierzulande weitgehend, gibt Diakonie-Stabsleiter Simon Hofstetter zu denken. Diese unter Umständen fehlende Sichtbarkeit liege jedoch auch in der Struktur des reformierten diakonischen Wirkens begründet. Da es nicht das eine grosse diakonische Werk gebe, erfolge diakonisches Handeln im Kleinen und Ortsgebunden. Dort wiederum gebe es viel. So verwies Hofstetter beispielhaft auf den Raum der Stadt Zürich. Die Innenstadtkirchen unterhalten dort eine eigene Anlaufstelle für Obdachlose, das Netz4 und die Sieberwerke kümmern sich um Randständige und die Streetchurch versucht mit Bildungsangeboten Jugendlichen aus prekären Verhältnissen zu einem Bildungsabschluss zu verhelfen.

Armut: Zahlen der Statistiker

Zurück zu den Zahlen des BFS: Seit 2005 stabil geblieben ist demnach die Sozialhilfequote der Gesamtbevölkerung. Sie betrug 2017 insgesamt 3,3%. Bei den Kindern und den 46- bis 64-Jährigen verzeichnete sie hingegen einen Anstieg. Ausserdem ging der Anteil der erwerbstätigen Sozialhilfebeziehenden zwischen 2008 und 2017 zurück und die Dauer des Sozialhilfebezugs hat sich verlängert. Wirtschaftliche Wachstumsphasen oder eine rückläufige Wirtschaftsentwicklung haben kaum Auswirkungen auf die Sozialhilfequote, so das BFS.
Die Erwerbslosenquote ist zwischen 2001 und 2003 sowie zwischen 2008 und 2010 stark gestiegen. Seit 2013 hat sie sich stabilisiert und lag im Jahr 2018 bei 4,7%. Die Langzeitarbeitslosigkeit nimmt seit einigen Jahren tendenziell zu, wobei ältere Arbeitnehmende stärker betroffen sind. Waren 2017 rund 40% aller Arbeitssuchenden Langzeitarbeitslos, waren es bei denen über 50 Jahren rund 60%.

Diese Tendenz beunruhigt laut Schweizer Tagesschau auch die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe SKOS. Deren Geschäftsführer Markus Kaufmann sprach sich entsprechend für mehr Laufbahnberatungen und Weiterbildungen aus – speziell für Leute ohne höhere Ausbildungen.

Das verfügbare Einkommen stagniert laut BFS seit 2014. 2016 belief es sich auf monatlich 4121 Franken pro Person. Was die Lebensbedingungen insgesamt betrifft, so waren 2016 3,6% der Bevölkerung von Mehrfachbenachteiligungen in verschiedenen Lebensbereichen betroffen. Dazu gehören die finanzielle Situation, die Wohnsituation, die Arbeit und Ausbildung, die Gesundheit, die sozialen Beziehungen, die soziale und politische Partizipation, die persönliche Sicherheit und das Wohlbefinden. Besonders hoch war dieser Anteil bei Erwerbslosen, Einkommensschwachen und Personen ohne nachobligatorische Ausbildung. So fühlten sich 2016 4,9% der Bevölkerung einsam, und 6% der Bevölkerung waren nicht in der Lage, einmal im Monat Freundinnen und Freunde, Familienangehörige oder Bekannte zu treffen.

Armut ist die neue sozialpolitische Herausforderung

Armut ist kein marginales Problem, sondern die neue sozialpolitische Herausforderung, antwortet die Caritas auf den Sozialbericht. Armutsrisiken wie Aussteuerung, Langzeitarbeitslosigkeit oder Scheidung seien nicht abgesichert. Dass der Bundesrat sich aus der Armutspolitik zurückgezogen habe, erweise sich nun als Bumerang. Es brauche eine landesweite Armutsstrategie. Zusammen mit zivilgesellschaftlichen Organisationen und Armutsbetroffenen gelte es, verbindliche Ziele und Massnahmen zu definieren, um Armut nachhaltig zu bekämpfen. Wichtig seien die Existenzsicherung und die soziale Teilhabe, kontinuierliche Bildungsmöglichkeiten sowie die bessere Vereinbarung von Beruf und Familie.
Armut ist weiblich

Und: Armut ist weiblich – auch darauf wies Caritas Schweiz kürzlich hin. Die Armutsquote der Frauen liegt mit 8,5% über derjenigen der Männer mit 6,5%. Tiefere Löhne drängten Frauen nach der Geburt eines Kindes demnach in unbezahlte Care-Arbeit. Sie blieben öfters daheim und kümmerten sich um die Kinderbetreuung. Komme es zu einer Trennung, gelinge der Wiedereinstieg in die Erwerbsarbeit häufig nicht. Jede vierte alleinerziehende Mutter sei in der Folge auf Sozialhilfe angewiesen.

In der Lohngleichheit hat die Schweiz im letzten Jahr keinen Fortschritt erzielt, so die Caritas. Frauen verdienten fast 20 Prozent weniger als Männer, es überrasche also nicht, dass ein Grossteil der Care-Arbeit noch immer von Frauen verrichtet werde. Das Armutsrisiko bleibe damit weiblich.

Gleichzeitig verstärke die Koppelung der sozialen Absicherung an die Erwerbsarbeit die Armut der Frauen. Wegen tiefen Löhnen, Teilzeitarbeit und Erwerbsunterbrüchen seien Frauen auch im Alter öfter arm. Ihre Altersrente aus erster und zweiter Säule falle im Schnitt um 37 Prozent tiefer aus als diejenige der Männer.

Um gleichen Lohn für gleiche Arbeit durchzusetzen, brauche es verbindliche Regeln. Zusätzlich müsste die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Weiterbildung verbessert werden. Dies bedinge, dass Männer ihren Anteil an unbezahlter Care-Arbeit leisten könnten. Ein Vaterschafts- und Elternurlaub sei ein erster Schritt in diese Richtung.

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