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Kein Hunger mehr: die Welt entfernt sich von diesem Ziel
Genug Lebensmittel für alle Menschen weltweit wären vorhanden. Doch die bisherigen Versuche, den Hunger zu überwinden, sind gescheitert, so mehr als vierzig Organisationen in einem gemeinsamen Positionspapier. Sie fordern ein grundsätzliches Umdenken.

Noch zehn Jahre bis 2030. Dann soll es keinen Hunger mehr auf der Welt geben. So steht es in den globalen Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen von 2015. Doch nichts deutet darauf hin, dass dieses Ziel erreicht wird, heisst es in der Einleitung zum Positionspapier Welternährung, das kürzlich von 46 deutschen Organisationen unterzeichnet wurde.

Seit 2014 steigen demnach die Zahlen der hungernden Menschen von Jahr zu Jahr wieder an. Mittlerweile hungert jeder elfte Mensch, in Afrika jeder fünfte. Schätzungen zufolge sterben jährlich 9 Millionen Menschen an Hunger. Ohne eine Kehrtwende kommen bis 2030 noch einmal 200 Millionen hungernde Menschen hinzu. Das alles klingt also nicht nach der Umsetzung des Nachhaltigkeitszieles, den Hunger auszulöschen.

Dabei wären genug Lebensmittel vorhanden, um alle Menschen weltweit zu versorgen, fährt das Positionspapier fort. Die Lagerbestände für Getreide wären so hoch wie in den letzten 50 Jahren nicht. Doch das Recht auf Nahrung, das auch den Zugang zu einer vielfältigen und abwechslungsreichen Ernährung beinhalte, sei zurzeit drei Milliarden Menschen verwehrt, also 40 Prozent der Weltbevölkerung. Menschen hungerten nicht, weil es zu wenig Lebensmittel gebe, sondern weil sie extrem arm seien, ausgebeutet würden oder keinen Zugang zu natürlichen Ressourcen wie Land oder Wasser hätten.

Die bisherigen Versuche, den Hunger zu überwinden, seien gescheitert, so das Papier. Ernährung müsse als öffentliches Gemeingut betrachtet und nicht den Märkten überlassen werden. Menschenrechte und ganzheitliche agrarökologische Ansätze müssten im Mittelpunkt stehen, lokale Ernährungssysteme und Ernährungssouveränität gefördert werden.

Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten sind wesentliche Treiber des Hungers, so die Organisationen. Die Corona-Pandemie habe dies noch verstärkt. Gleichzeitig warne die Wissenschaft vor einem Massenaussterben von Arten, vor der Klimakrise und der fortschreitenden Zerstörung der Böden.

In ihrem Positionspapier fordern die Organisationen eine grundlegende Änderung der Art, wie Lebensmittel produziert werden, wie mit ihnen gehandelt werde und wie sie konsumiert werden. Es brauche menschenrechtsbasierte Strategien zur Hungerbekämpfung. Dabei müssten die von Hunger betroffenen Menschen in die Lage kommen, selbstbestimmt über Programme und Politiken zu entscheiden, die sie betreffen.

Statt einer kapitalintensiven Landwirtschaft, die unter Wachstumszwang stehe und durch globalen Wettbewerb und Preisverfall den kleinen und mittelgrossen bäuerlichen Betrieben in Nord und Süd keine Zukunft biete, brauche es einen agrarökologischen Umbau, der auf Ernährungssouveränität abziele, die Gesundheit von Menschen und Tieren erhalte, die Biodiversität schütze, Jugendlichen eine Perspektive biete und für zukünftige Generationen die Lebensgrundlage erhalte.

Das Positionspapier sieht dafür elf Massnahmen als geboten an. So werde es eine Welt ohne Hunger nur geben, wenn die Verwirklichung der Rechte von ausgegrenzten und benachteiligten Menschen an erster Stelle stünde. Alle Föderansätze müssten unter dem Motto “nichts über uns ohne uns” an den realen Bedürfnissen der Betroffenen ausgerichtet werden.

Die Politik müsse weiter den Aufbau von ökologischen, gerechten und widerstandsfähigen Ernährungssystemen auf lokaler und regionaler Ebene untersützen, die die kleinbäuerlichen Interessen vor die Profitinteressen der Agrar- und Lebensmittelindustrie stellten, heisst es weiter. Teil davon solle der Ausstieg vom Einsatz chemisch-synthetischer Düngemittel und Pestizide bis 2030 sein. Auch dürften in der Entwicklungszusammenarbeit keine alte und neue Gentechnik zum Einsatz kommen und finanziert werden.

Land sollte keine Ware oder Kapitalanlage sein, so das Papier. Die Landkonzentration habe wieder rasant zugenommen, so verfüge ein Prozent der Betriebe Lateinamerikas über genauso viel Land wie die restlichen 99 Prozent. Diese Landprobleme hingen auch damit zusammen, dass die Entwicklungshilfe in den letzten zehn Jahren verstärkt grossflächige Landinvestitionen gefördert und umverteilende Landreformen weitgehend aus ihren Förderstrategien gestrichen habe. Letztendlich müssten die Finanzbehörden den Finanzinstituten und Pensionskassen verbieten, grosse Agrarflächen im globalen Süden und Norden aufzukaufen.

Viele Landarbeiterinnen und Landarbeiter gehören weltweit zu den ärmsten Menschen im ländlichen Raum und viele Hungern, obwohl sie dort leben, wo Lebensmittel produziert werden oder wo sie diese gar selbst produzieren, heisst es weiter. Die Corona-Krise zeige, dass selbst in europäischen Hochlohnländern Landarbeiter zu billigen Produktionsfaktoren degradiert seien. Entscheidend sei, sich für menschenwürdige Arbeitsbedingungen einzusetzen.

Hunger könne nur bekämpft werden, wenn Frauen und Männer gleichberechtigt seien, so das Positionspapier. Überall auf der Welt sicherten vor allem Frauen die Ernährung ihrer Familien. Trotzdem seien Bäuerinnen oft nicht anerkannt, weil Landwirtschaft weltweit männlich geprägt sei. Patriarchale Strukturen erschwerten ihre Teilhabe und machten die Arbeit der Frauen unsichtbar. Die damit verbundene strukturelle Benachteiligung verhindere, dass Frauen ihre Potentiale und Fähigkeiten zur Überwindung des Hungers einsetzen könnten. Nötig sei ein Engagement für rechtliche Gleichstellung ebenso wie für gleiche Beteiligung und Entscheidungsmacht auf der Basis einer grundlegenden Veränderung patriarchaler Machtverhältnisse.

 

 

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