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Generationentandem: Raus aus der eigenen Filterblase

Ab und zu aus der eigenen Filterblase herauskommen und andere Meinungen hören: das ist wichtig für das Miteinander der Generationen. Für einen Dialog auf Augenhöhe engagiert sich seit 2012 „und – das Generationentandem“ – mit beachtlichem Erfolg. Nun soll der Ehrenamtsbetrieb einen Schritt professionalisiert werden.

Eine Generation steht nie für sich alleine. Sie bringt hervor und wird hervorgebracht, so zumindest die Herkunft des Wortes: zeugen, schaffen, hervorbringen. Das Miteinander ist der Generation quasi in die Wiege gelegt.

Das Miteinander der Generationen verändert sich. Weil die traditionelle Familien- und Dorfgemeinschaft kaum mehr existiert. Weil immer mehr Menschen allein leben. Und weil sich die Bevölkerungsstruktur verschiebt. So bilden heute die 50-jährigen Frauen und Männer die grösste Gruppe, nicht mehr die Neugeborenen wie am Anfang des letzten Jahrhunderts. Und der Anteil der Frauen und Männer unter 30 Jahren liegt heute nur mehr bei knapp einem Drittel.
Generationentandem
Die Generationen müssen sich so auf Augenhöhe begegnen, dass niemand zu viel Einfluss ausübt oder belehrend auftritt.

Der Generationendialog ist notwendig. Alleine schon, weil die Gesellschaft sich als immer jünger und fitter darstellt, während sie gleichzeitig immer älter wird. Es braucht also Angebote für jung und alt.

Genau da liegt das Problem: Viele der bisherigen Ansätze von Gemeinden und Institutionen begehen den Denkfehler, ihre Angebote ganz bewusst und ausschliesslich für eine Generation zu organisieren. Das sagt Elias Rüegsegger, Initiant des Vereins „und – das Generationentandem“, in einem Interview des Thuner Tagblatts.

Das Verbindende statt des Trennenden sei zu fördern, so Rüegsegger. Die Generationen müssten sich so auf Augenhöhe begegnen können, dass niemand zu viel Einfluss ausübe oder belehrend auftrete. Ein gelungenes Generationenmiteinander sei gar nicht so einfach.

„Wenn die Alten einfach von ihrem Leben erzählen oder die Jungen ihren Blick kaum vom Smartphone heben können, dann geht’s nicht“, betont der Initiator gegenüber diakonie.ch. Zwar hätten die älteren Menschen einen grossen Erfahrungsschatz, von dem jüngere Menschen profitieren könnten. Dieser müsse jedoch „in einem heutigen Kontext diskutiert und reflektiert“ werden.

„und“ – das Generationentandem

Wie es funktionieren könnte, zeigt das Projekt Generationentandem. Aus einer Maturaarbeit entstehen eine Zeitung, ein Online-Auftritt und verschiedenste Anlässe, Diskussionen und Begegnungen, unter anderem den inzwischen rege besuchten Generationentalk im Berner Generationenhaus, zu dem jüngst Meinungsforscher Claude Longchamps anreiste und bald Nationalrätin Ruth Humbel begrüsst wird. Ein Erfolg war ein Generationenfestival im September 2017 mit 2’500 Besucherinnen und Besuchern. Bei allen Aktionen geht es darum, dass Jung und Alt gemeinsam an einem Thema arbeiten und ihre Expertise gleichberechtigt einbringen. Rund 75 Engagierte und insgesamt 185 Mitglieder tragen dazu gemeinsam einen politisch und konfessionell unabhängigen Verein, der 2012 in Thun gegründet wurde. Finanziert wird die Arbeit durch Mitgliederbeiträge, Sponsoren und Aboeinnahmen.

So bietet der Verein zum Beispiel eine individuelle Technikhilfe an. Die Teilhabe älterer Menschen an der digitalen Welt sei zentral für die Beteiligung an der heutigen Welt, wird betont. Junge Helfende von „und“ gehen zu älteren Menschen nach Hause, um sich deren technischer Fragen anzunehmen. Ob der Computer nicht dasselbe will wie sie oder ein Foto per Email verschickt werden soll, seien die Menschen dankbar, wenn ganz individuell auf ihre Fragen eingegangen werden könne, so Rüegsegger.

Der Verein wächst stetig und ist arbeitsintensiv. Jüngst hat die Hauptversammlung deshalb beschlossen, vier bezahlte Teilzeitstellen einzurichten. Der Verein stosse an seine Kapazitätsgrenze und zugleich wollten die Engagierten weiterhin neue Ideen entwickeln, wird der Schritt begründet. Nun gehe es darum, „die wertvolle Plattform für den Generationendialog“ für eine innovative Zukunft fit zu machen. Mit dem Grundsatzentscheid schlage der Verein einen herausfordernden Weg ein, der zu einer Weiterentwicklung, einer breiteren Abstützung und zu weniger Abhängigkeit von einzelnen, stark engagierten Personen führen soll.

„Die Generationen leben in unserer Gesellschaft mehrheitlich nebeneinander und nicht miteinander“, fasst Rüegsegger zusammen. Das sei aber auch in Ordnung. Ab und zu sei es jedoch wichtig, „aus der eigenen Filterblase herauszukommen und andere Meinungen zu hören“. Denn obwohl wir Menschen heute so vernetzt seien wie nie zuvor, „kennen wir selten mehr ganz andere Meinungen – oder nur aus der Ferne“. Insgesamt betrachtet sei noch viel Luft nach oben.

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