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Gemeinsames Musizieren überwindet soziale Ungleichheit

Kinder aus benachteiligten Verhältnissen lernen Geige. Gratis und von ausgebildeten Geigenlehrerinnen und -lehrern. Basel gyygt heisst das 2016 von der Basler Stadtmission ins Leben gerufene Projekt, das von fondia unterstützt wird.

Der Funke, an dem das Programm «Basel gyygt» entfachen konnte, flackerte ein erstes Mal vor bald 25 Jahren auf. Auslöser war der Dokumentarfilm «Fiddlefest», der Roberta Guaspari und ihr Projekt für Geigen-Gruppenunterricht in East Harlem (New York) portraitiert.

Seitdem hat der Gedanke, solch ein Programm auch in Basel aufzubauen an Faszination nicht verloren. Erst rund 20 Jahre später stimmten jedoch die organisatorischen und institutionellen Rahmenbedingungen, sodass im Jahr 2016 «Basel gyggt» Wirklichkeit werden konnte. Trägerin des Programms ist die Evangelische Stadtmission Basel. 

Seitdem ermöglicht das Programm einer wachsenden Zahl an Kindern im Kindergarten und Primarschulalter, denen der Zugang zu bestehenden Angeboten der ausserschulischen musikalischen Bildung aus finanziellen oder anderen Gründen bislang verwehrt blieb, im Gruppenunterricht Geige zu lernen. Aktuell erhalten 140 Kinder diese Möglichkeit. Die Kinder stammen aus 29 Nationen, namentlich aus Äthiopien, Afghanistan, Albanien, Bosnien, Deutschland, Eritrea, Griechenland, Indien, Iran, Irak, Italien, Japan, Kosovo, Kroatien, Marokko, Mexiko, Mazedonien, Nigeria, Pakistan, Polen, Portugal, Spanien, Sri Lanka, Südafrika, Syrien, Thailand, Türkei, Vietnam und der Schweiz.

In Kooperation mit verschiedenen Quartierinstitutionen vor Ort, wie Tagesstrukturen oder Spieltreffs, und gemeinsam mit Musikpädagoginnen und Geigerinnen konnte das Angebot «Basel gyygt» inzwischen in fünf benachteiligten Quartieren Basels umgesetzt werden.

Ziel des Programms ist es, insbesondere sozioökonomisch benachteiligten Kindern einen niederschwelligen Zugang zu ausserschulischer musikalischer Bildung zu ermöglichen. In wöchentlichen Unterrichtseinheiten zu durchschnittlich 50 Minuten lernen die Kinder das Geigenspiel in Kleingruppen. Der Entscheid für den Gruppenunterricht wurde sehr bewusst gefällt, so das Projektkonzept: „Im Gruppenunterricht steht die Freude am gemeinsamen Musizieren und das soziale Lernen im Vordergrund. Auch bringt das Gruppenmusizieren zahlreiche Vorteile mit sich, die den Lernprozess beschleunigen und erleichtern. Gemeinsames Musizieren und Lernen stellt einen deutlich grösseren Motivator dar, als alleine unterrichtet zu werden.“

Um möglichst vielen Kindern den Zugang zu ermöglichen und finanzielle Hürden für die Eltern abzubauen, ist das Angebot von «Basel gyygt» für die Kinder und Eltern kostenlos. Die Geige wird ihnen leihweise zur Verfügung gestellt.

Die an der Musik-Akademie Basel/Hochschule für Musik ausgebildeten Geigenlehrkräfte unterrichten im Tandem durchschnittlich sechs bis acht Kinder. Alternativ unterrichtet eine Geigenlehrkraft eine Kleingruppe von drei bis vier Kindern . Schon nach einem Semester Geigenunterricht ist es den teilnehmenden Kindern möglich, ein Abschlusskonzert zu bestreiten und in Kleingruppen oder gemeinsam verschiedene Stücke vorspielen zu können. An den Abschlusskonzerten erhalten die Kinder ein kleines Diplom.

Anfang 2019 wurde als zusätzliches Angebot ein Kinderstreichorchester für die gleiche Zielgruppe ins Leben gerufen. Hier haben zum einen Kinder eines bestehenden Klassenverbunds wie auch in den anderen Gruppen unterrichtete Kinder die Möglichkeit, ihrer erworbenen Fähigkeit im Zusammenspiel mit anderen auszubauen.

Das Wachstumspotenzial des Programms wie auch der soziale Nutzen von «Basel gyygt» haben sich als enorm erwiesen, so das Konzept. „Mit dem Dreijahresprogramm 2021-2023 soll die Anzahl der erreichten Kinder im Jahr 2023 mehr als verdoppelt werden. Hierfür soll «Basel gyygt» in weiteren Basler Quartieren mit einem hohen Migrationsanteil implementiert sowie an den bestehenden Standorten erweitert werden.“ Das Ziel der Projektphase 2021-2023 ist es, «Basel gyygt» zu einem flächendeckenden ausserschulischen Angebot in Basler Brennpunktquartieren auszubauen und ab 2023 insgesamt 290 Kindern, die unter schwierigen Bedingungen aufwachsen, einen niederschwelligen Zugang zu musikalischer Bildung zu ermöglichen. Dazu hat die Stiftung fondia nun einen Unterstützungsbeitrag on Höhe von jeweils 15´000 Franken für die Jahre 2021-2023 gesprochen.

Trägerverein des Projekts «Basel gyygt» ist die Evangelische Stadtmission Basel. Sie wurde im Jahr 1859 gegründet und engagiert sich für Kinder, Senioren, Flüchtlinge und Angestellte im Gastrogewerbe.  Projektleiter von «Basel gyygt» ist Christoph Ramstein, Geschäftsführer der Evangelischen Stadtmission Basel. Ramstein verantwortet das Programm in organisatorischer wie finanzieller Sicht. Ihm stehen in Musikpädagogik weitergebildete Geigenlehrkräfte zur Seite, die den Unterricht leiten.

Die beiden Co-lnitiantinnen und Gründerinnen Livia Berchtold und Daphne Schneider wurden für das Pilotprojekt «Basel gyygt» mit dem Preis der Hochschule für Musik (FHNW) für die beste musikpädagogische Masterarbeit 2016 ausgezeichnet.

 

 

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