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Diakonie macht Betroffene zu Beteiligten

Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts. Markige Worte zu Beginn des Diakoniekonzepts der Reformierten Kirchen beider Appenzell, das kürzlich vorgestellt wurde. Auf knapp 40 Seiten wird nachvollzogen, woher Diakonie kommt, wie sie wirkt und welche Themen sie verfolgt.

“Wünschen wir dem Diakoniekonzept, dass es in möglichst viele Hände kommt, die bereit sind, sich im Dienst an den Mitmenschen staubig zu machen”, so der Kirchenratspräsident der Appenzeller Reformierten Koni Bruderer im Geleitwort. Bruderer bezieht sich dabei auf die Herkunft des Wortes “Diakonie” aus der griechischen Sprache – wörtlich übersetzt “durch den Staub”.

Bei den Griechen habe “Diakonie” den Dienst des Aufwartens bei Tisch bedeutet, schreibt Bruderer: “Sie galt als etwas Minderwertiges.” Daran habe sich nicht viel geändert. Die meisten Menschn liessen sich lieber bedienen, als selber bedienen zu müssen: “So gesehen gibt es nichts Unzeitgemässeres als die Diakonie.” Dies sei jedoch nur die eine Seite.

Diakoniekonzept Appenzell

Wenn sich immer mehr Menschen nur noch um sich selber kümmerten, werden auch immer mehr Menschen niemanden mehr haben, der sich ihnen zuwende. Hier habe das diakonische Handeln seinen Platz und seine Aufgabe, um Menschen vor Vereinsamung und Ausgrenzung zu bewahren, betont der Kirchenratspräsident: “So gesehen gibt es nichts Zeitgemässeres als die Diakonie.”

Diakonie geht aus sich heraus und auf andere zu. Sie begegnet Notleidenden auf Augenhöhe und trägt zur Wendung ihrer Not bei, heisst es im Diakoniekonzept: “Solches Nahekommen tut gut und stärkt.” Diakonie vollziehe sich solidarisch für andere, partizipativ mit anderen und wachsend durch andere. In solcher Wechselseitigkeit würden “Betroffene zu Beteiligten, Gebende zu Beschenkten”.

Diakonie “traut anderen mit ihren Talenten etwas zu”, heisst es weiter. Sie ermutige Freiwillige zu einem ressourcenorientierten Engagement. Helfende spornten mit dieser Haltung scheinbar hilflose Menschen zur Selbsthilfe an.

Diakoniekonzept: Themen der Diakonie

“Gesundheit und Wohlergehen in einer Kultur des Respekts” lautet eines von drei Themen, welche die Appenzeller Reformierten für sich bestimmt haben. Das Leben von Menschen mit Beeinträchtigungen kann gelingen, wenn das Menschenmögliche zu ihrem Wohlergehen versucht wird, betont das Diakoniekonzept. Der wirtschaftliche, soziale und medizinische Fortschritt biete Chancen für Gesundheit und Wohlergehen. Leistungsdruck, Perfektionswahn und Konsumgier stellten Gefährdungen dar. Diakonie vertrete “mit Zivilcourage den Leitwert des Respekts”.

“Existenzsicherung und Gestaltungsraum in einer Kultur der Ressourcenorientierung” ist das zweite Thema. Die Ressourcen vieler Menschen blieben verschüttet, heisst es. Der Zugang zu Bildung sei ihnen verwehrt. Mehr Bildungsgerechtigkeit sei deshalb ein Ziel der Diakonie.

Diakonie gehört zum Kerngeschäft der Kirche. Sie ist als Tat dem Wort nicht untergeordnet. Sozialdiakonat und Pfarrschaft sollten auf Augenhöhe miteinander verkehren.

“Zugehörigkeit und Teilhabe in einer Kultur der Gastfreundschaft” lautet das dritte Thema. Vereinzelung und Vereinsamung, Vereinnahmung und Ausgrenzung seien Risiken der immer komplizierter und unübersichtlicher werdenden Gesellschaft. Hier verfüge Diakonie über zwei “einzigartige Instrumente”. Zum einen seien dies die feinmaschigen sozialen Netze vor Ort, zum anderen regionale und weltweite Netzwerke.

Wirkung der Diakonie

Nah, weit, politisch und strukturell. Das sind die vier “Wirk-Weisen” der Diakonie nach Appenzeller Modell. Sie wirken kirchlich oder zivilgesellschaftlich, nach innen oder aussen, persönlich oder institutionell, direkt oder indirekt. So schaue die weite Diakonie beispielsweise nicht auf die religiöse, nationale oder politische Zugehörigkeit. Die Not zu wenden sei die einzige Notwendigkeit.

Diakonie gehört zum Kerngeschäft der Kirche, stellt das Diakoniekonzept fest. Sie sei als Tat dem Wort nicht untergeordnet. Auch sollten die Freiwilligen, das Sozialdiakonat und die Pfarrschaft auf Augenhöhe miteinander und mit ihren Zielgruppen verkehren.

Freiwillige in ihrer ganzen Vielfalt machten die Kirche bunter, betont das Konzept. Sie brechen Milieu-Verengungen auf und bringen eine “zivilgesellschaftliche Weite in Kirche und Diakonie”. Sozialdiakonat und Pfarrschaft bräuchten als “Schlüsselprofessionen der Diakonie” ähnliche Befähigungen. Sozialdiakoninnen und Sozialdiakonie arbeiteten eher mit sozialwissenschaftlichen, sozialräumlichen und interkulturellen Ansätzen. Die Pfarrschaft bringe mit der Theologie eher psychologische und philosophische Ansätze ein.

Diakoniekonzept Appenzell

Wirk-Weisen der Diakoie. Aus dem Diakoniekonzept AIAR.

Das Diakoniekonzept wurde im letzten Jahr vorgestellt. Es ist eines der Legislaturziele 2014-18. Als Projektleiter wurde Frieder Furler berufen, der bereits das Diakoniekonzept der Zürcher Landeskirche verfasst hatte. Dieses sei nicht kopiert worden, so Furler gegenüber diakonie.ch. Eine achtköpfige Arbeitsgruppe habe habe eine klare und einfache Sprache durchgesetzt und sich am Praktikablen orientiert.

Eine Projektstelle der Landeskirche soll die Kirchgemeinden nun in der Erarbeitung von Projekten unterstützen. Ziel ist ausserdem, Freiwillige zu finden und zu unterstützen. “Wichtig ist für uns, dass die diakonische Arbeit ein Gesicht, eine Identität erhält. Die Öffentlichkeit soll sie wahrnehmen und deren Bedeutung und Leistung anerkennen”, so Iris Bruderer, Kirchenrätin für Diakonie der Appenzeller Reformierten, während der Sommersynode der Kantonalkirche im letzten Jahr.

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Seit November 2017 erarbeitet eine Arbeitsgruppe nun Vorstellungen, Ideen und Richtlinien für die diakonische Zusammenarbeit in der Landeskirche. Sie möchte eine Struktur vorschlagen, die Kirchgemeinden bei der Umsetzung des Diakoniekonzeptes unterstützt. Laut Furler stehen nun zwei Varianten zur Diskussion. Entweder werde eine Projektstelle geschaffen oder es werde ein Umsetzungseinstieg über ein attraktives Projekt versucht. In puncto Finanzierung möchte man nun mit Stiftungen ins Gespräch kommen und “andere, unkonventionelle Wege der Finanzierung finden”.

Erst wenige Landeskirchen haben bis anhin eine Grundlage geschaffen, auf welcher diakonische Arbeit aufgebaut werden kann. Das Appenzeller Modell hätte also durchaus Vorbildfunktion.

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