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Diakonie zwischen Vertrauensboten und transformativem Handeln

Eurodiaconia und der Weltkirchenrat haben sich mit Grundsatzfragen zur Diakonie beschäftigt. Während der europäische Dachverband das Vertrauen in das soziale Europa stärken will, gibt es auf Weltebene noch Uneinigkeit über die Ausrichtung eines diakonischen Grundsatzpapiers.

Europa steht unter Spannung. Die Tage des allgegenwärtigen Wunsches nach Einheit und Gemeinsamkeit scheinen vorbei. Nationalismus und Populismus keimen. Und trotz allen Aufschwunges in einigen Ländern Europas wachsen Armut und Arbeitslosigkeit in anderen.

Wie soll man darauf antworten? Mit Vertrauen, sagt Eurodiaconia. Der europaweite Dachverband diakonischer Einrichtungen hat soeben seine Jahresversammlung in Polen abgeschlossen. Am Ende des dreitägigen Treffens stand eine gemeinsame Erklärung der 46 Einrichtungen aus dem Sozial- und Gesundheitsbereich in 32 Ländern Europas.

Armut beeinflusst Denken, Handeln und Gesundheit

Das Entstehen der heutigen Sozialsysteme ist dem Willen entsprungen, die Schwächsten zu schützen und Ressourcen entsprechend zu verteilen.

Es gehe darum, den politischen, sozialen und ökonomischen Ungewissheiten etwas entgegen zu setzen – und zwar Vertrauen. In die Menschen und in die Zukunft. Als Gegenpol der Angst, ohne naiv oder unkritisch sein zu wollen.

Echte Kritik fehlt in dem zweiseitigen Papier. Zumindest was konkrete Missstände in Europa anbelangt. Die Erklärung ist allgemein gehalten und legt den Fokus auf die Überlegung, dass diakonische Einrichtungen mit ihren Verbindungen und Netzwerken tatsächlich einen Unterschied machen und Menschen ermutigen können. Empowerment hiess das noch vor ein paar Jahren.

Das Entstehen der heutigen Sozialsysteme sei dem Willen entsprungen, die Schwächsten zu schützen und Ressourcen entsprechend zu verteilen, so Eurodiaconia. Vertrauen und Gegenseitigkeit begründeten deshalb die europäischen Sozialsysteme. Fehle dieses Vertrauen, sei die Idee des sozialen Europa in Gefahr.

Das Zutrauen in politische Prozesse, aber auch in die Medien habe in Zeiten von fake news gelitten, so der Dachverband. Die Auswirkungen der europäischen Demokratiekrise seien noch immer spürbar. Dies höhle das Vertrauen aus und polarisiere die Gesellschaften. Es gebe einen starken Zusammenhang zwischen der sozioökonomischen Situation der Menschen und deren Vertrauen in ihre Regierungen. Diese seien also langfristig gut beraten, wenn sie sich um die Entrechteten kümmerten. Die von der Europäischen Kommission aufgesetzte sogenannte Europäische Säule sozialer Rechte sei ein Silberstreif der Hoffnung, meint Eurodiaconia.

Weil diakonische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter direkt mit Menschen arbeiten, könnten sie europäische wie nationale Sozialinitiativen direkt umsetzen und hätten als „Vertrauensboten“ das Potenzial zu einem positiven Wandel auf das Leben der Menschen.

Soziale Dienstleister und der Einsatz für soziale Gerechtigkeit sind Grundsteine für Vertrauen, betont die Erklärung – und dieses sei wiederum Grundstein für die Qualität diakonischer Arbeit.

Was für Europa gilt, hat weltweit noch viel mehr Bedeutung: Die Unterschiede sind gross und der Wille, sie klein zu halten, schwindet. Im globalen Kontext ein gemeinsames Papier zur Diakonie zu verfassen, ist deshalb schon darum schwierig, weil es eine Unmenge unterschiedlicher Deutungen des Begriffs der Diakonie und dessen praktischer Umsetzung gibt.

Trotzdem hat der Weltkirchenrat eine Studie zur „ökumenischen Diakonie“ in Auftrag gegeben. Sie sollte durch den Mitte Juni tagendenden Zentralausschuss veröffentlicht werden. Das höchste Entscheidgremium des Weltkirchenrates mit über 300 Delegierten aller Länder und Konfessionen – mit Ausnahme der römischen Kirche – hat das Papier jedoch wieder in die Bearbeitung geschickt und wird es zunächst als vorläufiges Arbeitspapier veröffentlichen.

Der Grund ist gleichzeitig das Problem, das viele internationale Organisationen bewegt: wer konkret wird und Missstände benennt, eckt damit unter Umständen schon intern an. So war im konkreten Fall der Status der Studie zur ökumenischen Diakonie nicht klar.

Das Papier macht es sich auf 96 Seiten sowohl zur Aufgabe, Diakonie aus kirchlich-theologischer Perspektive zu beschreiben, als auch zu „transformativem Handeln“ aufzurufen. Freilich fehlt es – wie im multilateralen Kontext üblich – an Konkretion des „wie denn genau“ sowohl in der Problemanzeige als auch in den Handlungsaufrufen.

Armut beeinflusst Denken, Handeln und Gesundheit

Eine teils interessante Lektüre bildet das Papier jedoch allemal, da die Perspektive natürlicherweise nicht auf Europa beschränkt ist. Im Gegenteil stellt die Studie fest, dass sich der Schwerpunkt des Christentums in den globalen Süden verlagert habe und „neue Erfahrungsformen ins Zentrum rücken, die oftmals bedingt sind durch das Ringen um Menschenwürde, Gerechtigkeit und Frieden“.

Entsprechend seien die „traditionellen ökumenischen Organisationen“ aufgerufen, ihre Rolle und ihren Auftrag zu überdenken. Diakonie müsse aus dem Blickwinkel der Ränder der Gesellschaft neu bestimmt und eine „Diakonie von unten“ unterstützt werden.

In dem Zusammenhang verweist das Papier ausserdem auf die unterschiedliche Auslegung des Begriffs der Diakonie im weltweiten Kontext. Nicht überall bezeichne es den sozialen und fürsorgenden Dienst – die Sprache der Diakonie ist global gesehen vielfältig. Hier spielt dann auch die Frage der Interdisziplinarität eine Rolle. In der Diakonie treffen sich Theologie, Sozialwissenschaften, Gesundheitsfürsorge und Sozialarbeit. Dies werfe, so die Studie des Weltkirchenrates, die Frage auf, wie in der Diakonie eine Professionalität entwickelt werden könne, die die Besonderheit diakonischen Handelns formulieren und artikulieren kann, und wie eine Sprache der Diakonie entwickelt werden könne, die sowohl im kirchlichen Umfeld wie auch im öffentlichen Raum verstanden wird.

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