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Caring Communities als Gegentrend zum Anonymen

Die Daseinsberechtigung der christlichen Gemeinschaft liegt in ihrem Dienst an der Gesellschaft, so ein Fazit einer Tagung zu Caring Communities der Reformierten Kirche Baselland.

Mit Caring Communities versuche die Reformierte Kirche Baselland, dem Ruf zur Selbstreflexion zu folgen und sich selbst und andere damit zu inspirieren, so die Kirche in einer Medienmitteilung zur Tagung am 11. September in Reinach.

Sorgende Gemeinschaften setzten einen Gegentrend zur anonymen Gesellschaft und förderten Werte und Strukturen eines neuen gesellschaftlichen Miteinanders. Sie schliessen Lücken und vernetzen Menschen, die zueinander im Alltag gegenseitig Sorge tragen, so die Mitteilung. Dadurch schafften sie eine neue Kultur des Zusammenlebens.

Wie Menschen, die gemeinsam essen

Die Tagung blickte auf Projekte im In- und Ausland, die zeigten, wie das Modell real aussehen könnte. Die Antwort überrasche in ihrer Einfachheit, betont der Tagungsbericht: „So, wie Menschen, die gemeinsam essen.“ Wie Quartiercafés, wo Geschichten erzählt würden. Wie Suppenküchen, Telefonketten und Wohngemeinschaften. Und gleichzeitig sei es wiederum nicht so einfach. Solche Aktionen erweckten oft den Anschein, sie seien ganz einfach aus dem zufälligen Zusammenstossen von Menschen erwachsen. Jedoch sei nicht jeder Jassclub oder Fussballverein eine Caring Community, wird Peter Zängl, Professor für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz, zitiert.

Die klassische Kirchgemeinde wolle in ihrer Idealform eine sorgende Gemeinschaft sein. Die Landeskirchen sind mit die grössten Anbieter im Bereich der sozialen und wohltätigen Arbeit in der Schweiz. Dabei seien die bereits bestehenden kirchlichen Angebote vielleicht sogar zu vielzählig, so Simon Hofstetter, Stabsleiter der Diakonie Schweiz, vor den Teilnehmenden. Die meisten Kirchgemeinden schafften ein Angebot und warteten dann, dass interessierte Gäste auf sie zukämen.

Die Idee der Caring Communities hingegen folge demgegenüber der Strategie, miteinander statt füreinander zu arbeiten. So seien die meisten dieser Gemeinschaften nicht aus einer Idee, sondern aus Bedürfnissen des Quartiers entstanden.

Solche Projekte wachsen organisch, lassen sich immer wieder neu erfinden, und zählen darauf, dass sich die lokale Bevölkerung, für die sie da sein möchten, auch selbst einbringt, betont der Tagungsbericht. Angebote der Sorgende Gemeinschaften speisen sich aus dem konkreten Leben derer, die zu ihrer Gemeinschaft Sorge tragen. Gemeinschaft sei nicht etwas, das man habe und anbieten könne, sondern etwas, das man gemeinsam erst schaffe.

Standortvorteil Landeskirchen

Viele der Sorgenden Gemeinschaften in der Schweiz seien aus kirchlich inspirierten Angeboten entstanden, so die Mitteilung weiter. Die Landeskirchen hätten dabei mit ihrem bestehenden Netzwerk und den an bester Lage platzierten Gebäuden einen Standortvorteil, so Hofstetter.
Es wäre eine verpasste Chance, so Hofstetter, würde sich die Kirche nicht als Lehrerin in diesem Bereich anbieten, und würde sie nicht gehört. In der Tat sei das Thema Caring Communities auch eines, das die gesamte Gesellschaft etwas angehe, so Rita Famos, Präsidentin der EKS, laut Tagungsbericht. Das Sorgepotential, sei es in Heimen, Spitälern oder Quartieren, werde ein immer knapperes Gut. Das betreffe nicht nur diejenigen, die gelebte Nächstenliebe als ihr Ideal anerkennen, sondern auch die Gesellschaft an sich, die auf diese gelebte Nächstenliebe angewiesen sei.

Der Freiwilligen-Boom zu Beginn der Corona-Pandemie habe gezeigt, dass viele die Notwendigkeit gelebter Nächstenliebe erkannt hätten. Doch Monate später sei dieser Kreis bereits wieder deutlich kleiner geworden. Die Not, die gerade in der Betreuung von kranken oder betagten Menschen herrsche, zeige, dass es beim Thema nicht nur um das Gefühl der Anteilnahme gehe, sondern auch um konkrete Strukturen, die nachhaltiges Engagement ermöglichten.

Gefahr des Burnouts

Ob Caring Communities zu einem prägenden Bestandteil der Schweizer Gesellschaft werden könnten, hinge vor allem von sozialpolitischen Entscheiden ab, so die Mitteilung weiter. Dabei sei die ungerechte Verteilung von Care-Arbeit unter den Geschlechtern nach wie vor ein grosses Thema. Das liege vielleicht nicht so sehr am Wollen, sondern auch an dem Verhältnis von Voll- und Teilzeitarbeit zwischen den Geschlechtern. Freiwilligenarbeit, das zeige die Tagung auf, verdanke Vieles dem grosszügigen Engagement Einzelner, aber dürfe nicht darauf alleine beruhen, wenn sie nachhaltig sein und ihre Mitwirkenden nicht der Gefahr eines Burnouts aussetzen wolle. Das könne nicht im wirtschaftlichen und politischen Interesse einer Gesellschaft sein, für die Themen wie Vereinsamung und Armut zu immer grösseren Herausforderungen würden.

Sorgende Gemeinschaft ist Kernthema des christlichen Lebens, so die Mitteilung. Die Modelle sozialen Zusammenlebens beträfen jedoch auch Stadtentwickler, Ökonominnen, Politiker und Unternehmerinnen. Sie böten Lösungsansätze für gesamtgesellschaftliche Probleme, und benötigten gleichzeitig Rahmenbedingungen für ihr Gelingen. Sorgende Gemeinschaften habe eine Gesellschaft nicht einfach, sondern man müsse sie schaffen.

Fachtagung der Diakonie Schweiz

Die Sorgende Gemeinschaft ist kein Konzept, sondern eine Haltung, die auf gegenseitigem Vertrauen basiert, unabhängig von den lokalen Unterschieden. So bilanzierte die Fachtagung der Diakonie Schweiz bereits Ende 2019. Wenn die Grenzen der sozialstaatlichen Leistungen sichtbar und solidarische Strukturen in der Gesellschaft schwächer werden, steigt die Bedeutung nahräumlicher Unterstützungsnetzwerke wie der Caring Communities.

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