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Um des Lebens, nicht um des Sterbens willen

Frank Mathwig ist der Suizidhilfe gegenüber kritisch eingestellt. Der Theologe und Ethiker sieht dahinter eine wachsende gesellschaftliche Gleichgültigkeit gegenüber dem Sterben. Er plädiert für die Vielfalt des menschlichen Lebens und Erlebens.

Herr Mathwig, todkranke Menschen können in der Schweiz Suizidhilfe beanspruchen. Wie würden Sie bei einer entsprechenden Diagnose entscheiden?

Das kann ich nicht sagen. Aus meiner Sicht ist es eine Überforderung, derartig existenzielle Entscheide im Voraus und rein rational zu fällen. Das ist unmenschlich, weil es den Menschen etwas abverlangt, was der Vielfalt menschlichen Lebens und Erlebens nicht entspricht. Unterstellt wird, ich könnte heute objektiv bestimmen, wie ich mich in einer zukünftigen Extremsituation erleben werde und entscheiden würde. Wir kennen intensive Lebenserfahrungen, in denen wir von uns selbst – positiv wie negativ – total überrascht worden sind. Prognostiziere ich heute, welche Hilfe und Massnahmen ich als Sterbenskranker irgendwann beanspruchen möchte, nehme ich mir genau das, was mich als Mensch ausmacht: meine Spontaneität und Fähigkeit, mich ganz anders und neu zu erleben. Aber es stellt sich noch eine ganz andere Frage: Wie geht es in unseren Köpfen zusammen, dass sehr viele Menschen weltweit nicht einmal wissen, wie sie den nächsten Tag überleben können, während wir darüber nachdenken, wie wir «am besten» zu Tode kommen?

Was würden Sie einem todkranken Freund raten?

Ich würde ihm nichts empfehlen, weil ich nicht in seiner Situation stecke und daher mein Rat blosse Theorie wäre. Stattdessen würde ich ihm signalisieren: Ich will anwesend sein. Wollte er unwiderruflich seinem Leben ein Ende setzen und wäre es sein ausdrücklicher Wunsch, würde ich mich nicht zurückziehen. Er wüsste jedoch, dass ich seinen Entschluss nicht teile. Aber das Sterben eines nahestehenden Menschen ist kein Anlass für ethische Fachdiskurse. Manche Widersprüche des Lebens lassen sich nicht auflösen. Vor allem dürfen wir sie nicht weichspülen. Hören wir, dass eine uns bekannte Person Suizid begangen hat, sind wir erschrocken und schockiert. Scheidet jemand mit Suizidhilfe aus dem Leben, reden wir darüber, als sei diese Person lediglich unbekannt verzogen. Erschrecken sollte uns, wenn wir darü- ber nicht mehr erschrecken. Wenn wir unser Entsetzen durch eine Selbstbestimmungslogik ersetzen, droht eine gesellschaftliche Verrohung, eine Gleichgültigkeit gegenüber der Not anderer.

 

Wenn wir unser Entsetzen durch eine Selbstbestimmungslogik ersetzen, droht eine gesellschaftliche Verrohung.

Aber spricht etwas dagegen, wenn ein todkranker Mensch mit unerträglichen Schmerzen Suizidhilfe beansprucht?

Wenn eine Schmerztherapie nicht wirkt und ein todkranker Mensch schier verrückt wird vor Schmerzen, dann wird mir die Sehnsucht unmittelbar verständlich: «Ich will nur noch tot sein.»

Ein Argument ist die Angst davor, die Kontrolle über Körperfunktionen zu verlieren und auf Hilfe angewiesen zu sein.

Angst ist ein schlechter Ratgeber. Aber das Wissen darum nimmt mir die Ängste nicht. Gegen die Diktatur der hier angesprochenen Ängste hilft vielleicht eine simple Frage: Wer von uns ist ohne existenzielles Angewiesensein auf andere dem Säuglingsalter entwachsen? Die Abhängigkeit von anderen ist nun einmal die ursprünglichste Erfahrung von Menschen. Wir hätten niemals Kinder sein dürfen, wenn für unsere Leben nur Eigenverantwortung, Handlungssouveränität und die Freiheit, nicht auf andere angewiesen zu sein, zählten. Wir sollten uns an unsere ursprünglichen Lebenserfahrungen erinnern, bevor wir über den Lebenswert von alten Menschen, Menschen mit Behinderung, psychisch kranken und hilfsbedürftigen Menschen orakeln. Stattdessen halten wir häufig ein unmenschliches Selbstbestimmungsideal hoch. Unmenschlich, weil wir uns nicht zuzugestehen erlauben, dass es einen Lebenssinn unabhängig von selbstgestrickten Sinnkonstruktionen gibt. Immerhin ist das der Kern der Botschaft des Evangeliums: Der Sinn unserer Existenz ist uns von Gott mit unserem Leben immer schon gegeben. 

Die Sterbehilfeorganisation Exit stimmt im Mai darüber ab, ob alten, lebensmüden Menschen der sogenannte Bilanzsuizid ermöglicht werden soll. Was geht Ihnen dabei durch den Kopf?

Bilanz zu ziehen, gehört in die Ökonomie und auch zum Leben. Wir tun es rückschauend im Blick auf die Zukunft. Ich verstehe nicht, wie ein persönlicher Lebensrückblick zu dem Schluss kommen kann: Das soll’s gewesen sein. Ich erwarte nichts mehr, ich rechne mit keiner Überraschung mehr, mein Leben ist wertlos geworden. Mein Körper taugt nichts mehr, ich will nicht mehr in und mit ihm leben. Ich frage mich: Hat mein Leib nicht einen Anspruch auf meine Treue als Person? Auf die Loyalität meines Denkens und Fühlens? Ich verstehe Bilanzsuizid nicht. Ich denke, er sollte angemessener Hoffnungslosigkeitssuizid heissen.

Ein Argument ist, dass durch Bilanzsuizide brutale Selbstmorde verhindert werden.

Wer so argumentiert, hat sich damit abgefunden, dass es Suizide gibt. Es geht nur um die Art und Weise, wie sie geschehen sollen. Der Alterssuizid ist ein gewaltiges Problem, da gebe ich Exit Recht. Die Zunahme der alleinlebenden Betagten und Hochbetagten, gesellschaftliche Anonymisierungs-, Individualisierungs-, Flexibilisierungs- und Mobilisierungsprozesse schaffen Einsamkeit, weil diese Anforderungen nicht nur alte Menschen irgendwann abhängen. Der Alterssuizid ist die Konsequenz daraus, dass den Betroffenen ihre Lebenswelt vollständig fremd geworden ist. Wohlgemerkt: Nicht die Alten haben sich der Gesellschaft entfremdet, sondern die Gesellschaft selbst macht sich ihre ältesten Mitglieder zu Fremden.

Es ist ein ursprüngliches menschliches Bedürfnis, für andere bedeutungsvoll zu sein.

Deshalb ist der Satz eines anderen Menschen so unersetzbar: «Du bist mir wichtig, ich will, dass du da bist.»

Viele Menschen wollen selbstbestimmt in den Tod gehen.

Hätte ich die Wahl, würde ich am liebsten wie ein Vogel vom Ast fallen. Bis ans Lebensende Herr über den eigenen Körper, Geist und die eigene Psyche zu sein, wünschen wir uns alle. Doch wenn das nicht geht? Wenden sich Menschen mit einer beginnenden Demenz an eine Suizidhilfeorganisation, wird ihnen zu einer schnellen Entscheidung geraten. Schreitet die Krankheit nämlich voran, darf keine Suizidhilfe mehr geleistet werden. Diese Menschen müssten also präventiv Suizid begehen. Es wäre zynisch zu sagen, Demenz sei eine wichtige Lebenserfahrung. Aber: Ist Baby-Sein ein erstrebenswerter Zustand? Das eine wie das andere sind unbestreitbare Aspekte des Menschseins.

Was aber, wenn diese Menschen das Gefühl haben, anderen zur Last zu fallen, keine Bedeutung mehr zu haben?

Der Psychiater Klaus Dörner sagte: «Je mehr mir als einem Sterbenden meine Selbstbestimmung und damit die Verfügung über mein Leben zwischen den Fingern zerrinnen, je mehr ich mich davon verabschiede, desto wichtiger wird mir das komplementäre andere Bedürfnis nach Bedeutung für andere, von anderen gebraucht zu werden, für andere – in welcher Form auch immer – notwendig zu sein.» Es ist ein ursprüngliches menschliches Bedürfnis, für andere bedeutungsvoll zu sein. Deshalb ist der Satz eines anderen Menschen so unersetzbar: «Du bist mir wichtig, ich will, dass du da bist.» Welche Bedeutung hat dieser Satz in einer Gesellschaft, in der die Halbwertszeit sozialer Bindungen immer kürzer wird? Die Beatles haben schon in den 1960er Jahren die richtige Frage gestellt: «Will you still need me … when I am sixtyfour?» Inzwischen müssten wir das Alter 20 Jahre nach oben setzen. An der Brisanz der Frage hat sich nichts geändert – im Gegenteil.

Interview „Um des Lebens, nicht des Sterbens willen“ in der Monatszeitschrift „bewegt“ 5/14 der Reformierten Kirchgemeinde Ostermundigen. Die Fragen stellte Hildegard Netos. Abdruck mit freundlicher Genehmigung.

Bilder: © Adobe Stock

Erschienen in der Monatszeitschrift „bewegt“ 5/14 der Reformierten Kirchgemeinde Ostermundigen. Abdruck mit freundlicher Genehmigung.

Hildegard Netos

Redaktorin, Reformierte Kirchgemeinde Ostermundigen

Prof. Dr. Frank Mathwig

Beauftragter für Theologie und Ethik, Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund

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