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Spiritual Care – der Sinn für Sinnfragen

Simon Peng-Keller hat seit kurzem an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich die erste Professur für Spiritual Care inne. Palliative.ch wollte von ihm wissen, welche Inhalte er vermitteln möchte und welche Voraussetzungen er für diese Aufgabe mitbringt.

palliative.ch: Was genau ist eigentlich Spiritualität?

Simon Peng-Keller: Das kommt darauf an, ob man diese Frage innerhalb oder ausserhalb der Theologie beantwortet. Im christlich-theologischen Kontext, dem der Begriff entstammt, bedeutet Spiritualität „geistbestimmtes Leben“. Dabei geht es sowohl um spezifische Erfahrungen als auch um eine konkrete Lebenspraxis. In einem nicht-theologischen, wesentlich weiter gefassten Sinne kann man Spiritualität als einen Lebensmodus der Selbst-Transzendenz bezeichnen. Der Kontrastbegriff dazu wäre dann ein materialistischer und egozentrischer Lebensstil. Spiritualität ist in diesem Sinne also ein altruistisch geprägter Lebensentwurf, die Suche nach einem umfassenden Sinn.

 

Gibt es also auch Spiritualität ohne Religion?

Es gibt viele respektable Ansätze einer Spiritualität jenseits der Religionen, man denke etwa an die Philosophie Platons, die Stoa oder in gewisser Weise auch den Zen-Buddhismus. Es gibt eine ars spiritualis, die sich nicht religiös versteht. Es gibt also durchaus einen Lebensvollzug, der sich auf einen grösseren Sinnhorizont ausrichtet, ohne dabei in einem spezifischen Sinne religiös zu sein.

Gilt dieser nicht-religiöse Spiritualitätsbegriff auch für die Spiritual Care?

Bei der Spiritual Care ist die Rede von Spiritualität sogar noch einmal weiter gefasst, da die Spiritual Care nicht eine bestimmte spirituelle Praxis wie etwa geistliche Übungen oder Meditation voraussetzt, sondern es darum geht, Menschen in extremen Situationen wie Krankheit, Sterben und Tod abzuholen und sie in ihrem Leiden ganzheitlich zu begleiten. Hier sind sozusagen auch Vorformen von Spiritualität im Blick. Auch Menschen, die sich vielleichr vorher nicht als spirituell bezeichnet haben, können spirituelle Bedürfnisse entwickeln oder von spirituellen Fragen umgetrieben sein, wie derjenigen, was der Sinn ihres Leben und Leidens ist.

Witikon; Wikimedia/Roland zh

Spiritual Care setzt also keine spirituelle Praxis voraus?

Im Einzelfall nicht unbedingt. Ohne lebendige spirituelle Tradition ausserhalb des klinischen Bereichs würde sich Spiritual Care jedoch auf einem sehr dünnen Fundament bewegen. Spiritual Care ist allerdings nicht mit einer Anleitung zu einer spirituellen Praxis zu verwechsel, auch wenn sie gelegentlich auch das umfassen kann. Auf Seiten der „Caregiver“ geht es zunächst einmal einerseits um Grundhaltungen wie Mitgefühl und Respekt und andererseits um eine Wahrnehmungskompetenz: um einen Sinn für Sinnfragen. Diese Haltungen und Kompetenzen sind bei jedem Patienten angebracht, egal, wo er oder sie spirituell steht. Auf der Patientenseite finden wir ein breites Spektrum zwischen hochreligiösen Menschen, die etwa nach einer ganz bestimmten Form von Unterstützung wie z.B. einer Krankensalbung verlangen, bis hin zu spirituell eher indifferenten Menschen, die sich aber in der Situation ihrer schweren Krankheit mit Sinnfragen konfrontiert sehen.

Es geht also um Menschen mit schweren Erkrannkungen, die potenziell tödlich sind. Oder ist das ein zu enger Begriff von Spiritual Care?

Sofern man auch den Begriff der Palliative Care entsprechend weit fasst und auch bei kurativen Behandlungen eine palliative Komponente möglich ist, kann man von einer engen Verbindung zwischen Spiritual Care und Palliative Care ausgehen. Spiritual Care sollte jedoch nicht auf den professionellen Bereich eingeengt werden. Auch Angehörige und Nahestehende können zum Caregiver werden. Faktisch geschieht das oft, ohne dass die Betreffenden den Begriff Spiritual Care verwenden.

 

Wo liegt der Untschied zur traditionellen kirchlichen Spitalseelsorge?

Spitalseelsorge ist eine spezifische Form der Spiritual Care, die auch weiterhin sehr wichtig ist. Der Unterschied liegt darin, dass Spiritual Care ausdrücklich als eine interprofessionelle Aufgabe wahrgenommen wird. Sie bedarf eines Zusammenspiels von Seelsorgenden, Ärztinnen und Ärzten, Pflegenden, der Psychoonkologie und Sozialarbeiter. Von der Sache her ist auch das nicht neu, doch wird es nun unter dem Leitwort „Spiritual Care“ konsequenter institutionell verankert.

Spiritual Care ist also keine Konkurrenz für die klassische kirchliche Spitalseelsorge?

Das kommt darauf an, wie sich die Verhältnisse in der Schweiz entwickeln werden. In Holland gibt es eine solche Konkurrenzsituation. Dort herrscht ein freier Markt der Anbieter von Spiritual Care. Letztlich entscheidet dann die jeweilige Institution, also beispielsweise das Spital, welche Anbieter von Spiritual Care zugelassen werden. Das dürfte dann wohl auch nicht selten mit Kostenfragen verbunden sein. Im Moment haben wir in der Schweiz noch eine ganz andere Situation, es muss auch nicht in diese Richtung gehen. In den USA, um ein anderes Beispiel zu nennen, haben sich Modelle von Spiritual Care etabliert, in denen die krichliche Seelsorge sehr gut integriert ist.

Was ist der Mehrwert der Spiritual Care als Lehrfach?

Innerhalb des Medizinstudiums gibt es zu wenige Angebote, die den unmittelbaren Kontakt zu Schwerkranken und Sterbenden zulassen und in denen man lernen kann, in anspruchsvollen Gesprächssituationen auch spirituelle Aspekte anzusprechen. Man kann also Kompetzenzen in einem Bereich erwerben, der später für viele Sparten des Mediziners von Bedeutung ist. Ähnlich ist es in der Seelsorge, auch da bestehen während des Studiums nicht so viele Möglichkeiten, sich in direktem Kontakt mit schwer kranken Menschen auf zukünftige seelsorgerliche Aufgaben vorzubereiten.

 

Der Text ist zuerst erschienen im in der Zeitschrift „palliative.ch“. Leicht gekürzt. Abdruck mit freundlicher Genehmigung.

Christian Ruch

Redaktor, palliative.ch

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