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Auswirkungen der Heimerziehung auf den Lebenslauf

Die Erforschung der langfristigen Auswirkungen der Heimerziehung auf das spätere Leben bringt wichtige und manchmal unerwartete Erkenntnisse. Diese deuten auf ein komplexes Wechselspiel zwischen Widerstandsfähigkeit und Verletzbarkeit hin. Klar ist: Für klare Empfehlungen in Richtung Politik und Praxis braucht es mehr Daten. Ein Beitrag von Thomas Gabriel, zuerst erschienen im Online-Magazin bold.expert.

Die Umstände in Schweizer Heimen zwischen 1950 und 1990 müssen als problematisch bezeichnet werden. Doch trotz negativer Einflüsse auf die Entwicklung der betroffenen Kinder gelang es vielen von ihnen später ihrem Leben eine positive Richtung zu geben.

Jahrzehnte später haben einige der früheren Bewohnerinnen und Bewohner an Selbstvertrauen gewonnen und ihr Leben gestaltet. Manche erhielten Unterstützung von anderen Menschen und schafften den Übergang von der betreuenden Institution in ein unabhängiges Leben.

Viele kritische Fragen zur Heimerziehung sind noch unbeantwortet. Statt jedoch wie andere zu fordern, dass Heime abgeschafft werden, muss mehr Wissen darüber generiert werden, wie die Qualität von Heimerziehung verbessert werden kann.

Historischer Kontext

Im 20. Jahrhundert wurden Zehntausende von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz in Heime oder Pflegefamilien platziert. Mehrere Studien deuten darauf hin, dass der Integrität und dem Wohl dieser Kinder wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Oft waren sie sozial isoliert, mussten Zwangsarbeit leisten und wurden sogar körperlich oder sexuell missbraucht, was lebenslange Folgen für sie hatte.

Es gibt nur wenige Untersuchungen über den Wandel der Heimerziehung in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Und noch weniger Studien befassen sich mit den Auswirkungen auf den weiteren Lebenslauf der betroffenen Kinder. Die Forschung weiss kaum etwas über deren sozio-ökonomische Situation, deren gesellschaftliche Integration oder über deren Lebensqualität als Erwachsene.

Ausserdem erklären die meisten Studien die spätere Lebenssituation mit Sozialisierungsproblemen oder neurobiologischer Verletzlichkeit. Sie konzentrieren sich allein auf die negativen Folgen und erklären diese ausschliesslich mit dem Einfluss der Heimerziehung. Dieser Ansatz ist jedoch problematisch, weil er die komplexen Ursachen und Wirkungen unzulässig auf einen einfachen Nenner bringt.

Aktuelle Forschung

Unser Forschungsteam – Clara Bombach, Samuel Keller und ich – hat ein Projekt lanciert, das zum besseren Verständnis dieser Themen beitragen soll. Wir werden untersuchen, ob sich die prägende Erfahrung einer Heimerziehung zwischen 1940 und 1990 auf die unterschiedlichen Kinder und Jugendliche ähnlich ausgewirkt hat. Diese Untersuchung ist Teil des Verbundprojekts «Placing Children in Care: Child Welfare in Switzerland (1940-1990)», das vom Schweizerischen Nationalfonds finanziert wird.

Unser Ansatz lässt uns die Lebensmuster, Krisen und Bewältigungsstrategien erkennen, analysieren und interpretieren. In erster Linie möchten wir verstehen, wie stark der weitere Lebenslauf der Erwachsenen mit den Erfahrungen in den Heimen zusammenhängt. Erste Erkenntnisse lassen darauf schliessen, dass es komplexe Interaktionen zwischen Widerstandsfähigkeit und Verletzbarkeit gibt. Und: Nicht jede Entwicklung wird von früheren Lebenserfahrungen bestimmt.

Der überraschend starke Einfluss der Heimerziehung auf das Leben eines Menschen zeigt sich bei Wendepunkten und wichtigen Lebensereignissen sowie in gewissen Lebensbereichen noch viele Jahrzehnte, nachdem die Person die Betreuungseinrichtung verlassen hat. So berichten mehrere Personen, dass sie grosse Schwierigkeiten haben, soziale Bindungen mit Kollegen, Freundinnen, Partnern und Kindern aufzubauen: Das sei sehr schwierig, weil man niemandem richtig vertraue und einem das kindliche Urvertrauen fehle, sagt Adrian, der früher in einem Heim lebte.

Analysen zeigen, dass solche Auswirkungen eng mit den Erfahrungen in den Betreuungseinrichtungen zusammenhängen. Erinnerungen an die damalige Situation können Gefühle von Einsamkeit und Isolation wachrufen und den Eindruck geben, man sei völlig auf sich allein gestellt.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von bold.expert und Prof. Thomas Gabriel.

Armut beeinflusst Denken, Handeln und Gesundheit
Prof. Dr. Thomas Gabriel, Leiter Institut für Kindheit, Jugend und Familie, ZHAW Soziale Arbeit
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